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Nach dem Siegeszug des «Functional Training» in der Fitness-Szene ist der Begriff nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie wieder vermehrt ins Gespräch gekommen. Doch was bedeutet «Functional Training» – und was können Ausdauersportler davon lernen?

CrossFit, Power-Yoga, Freeletics oder eben auch Functional Training: Die Fitnessindustrie verlangt ständig nach neuen Trainingsformen und Wortschöpfungen, um die Kundschaft bei Laune zu halten. Allen erwähnten Trainingsangeboten gemeinsam ist, dass die Namen geschützt sind und ein definiertes Programm vorgeben. Anbieter solchen Trainingsformen bezahlen Lizenzgebühren an die Rechteinhaber.

Auch «Functional Training» ist grundsätzlich ein geschützter Name, zumindest wenn es im Fitnesscenter angeboten wird. Er steht für eine sportartübergreifende Trainingsform, die sich durch komplexe Bewegungsabläufe auszeichnet, die mehrere Gelenke und Muskelgruppen gleichzeitig beanspruchen.

Funktionales Training hingegen ist kein geschützter Begriff, sondern eine Denkweise, die im Zuge von Corona und Home-Fitness wieder vermehrt ins Bewusstsein von Sportlern und Coaches gerückt ist. Dort aber in den unterschiedlichsten Facetten und nicht mit vorgegebenen Definitionen.

Was bedeutet funktionell?

Funktionelles Training bedeutet nichts anderes, als dass Sportler ihr Training spezifisch auf ihre Sportart ausrichten und vorwiegend Dinge tun, die sie in eben dieser Sportart weiterbringen. Ganz banal übersetzt bedeutet funktionell schlicht zweckorientiert. Ein Radfahrer fährt Rad oder kräftigt und dehnt Muskelgruppen, die er fürs Radfahren braucht, ein Schwimmer und Läufer ebenso. Ein Sprinter trainiert Schnellkraft, Explosivität und Technik, ein Marathonläufer Ausdauer, seine Fussmuskeln und Long Jogs. Obwohl für den Marathon ein leistungsfähiges Herz-Kreislauf-System gefragt ist, käme es niemanden in den Sinn, dieses im Vorfeld eines Wettkampfes ausschliesslich auf dem Rad zu trainieren. Der Bewegungsapparat braucht das spezifische Training in der Zielsportart.

Der trendige Begriff ist wohl nicht zuletzt auch wegen einem Versäumnis wieder vermehrt in den Fokus der Trainingsanbieter gerückt. Denn im Zuge des Ausdauersportbooms und gleichzeitiger Individualisierung sind viele Sportler erschreckend einseitig unterwegs. Die meisten gehen zwar gerne und regelmässig im Dauermodus laufen, schwimmen oder radfahren und trainieren so ihre Herz-Kreislaufsystem, aber die übrigen Konditionsfaktoren wie Kraft, Beweglichkeit, Koordination und auch Schnelligkeit werden oft sträflich vernachlässigt. Alles Dinge, die früher im Verein von Coaches in ein vielseitiges Training integriert wurden, von Einzelsportlern aber alleine kaum praktiziert werden.

Wann ist eine Übung funktionell?

Das ist aber meist zu kurz gedacht. Denn vor allem im Breitensport sollte das oberste Ziel nicht zwingend eine neue Bestzeit sein, sondern die Förderung einer Vielseitigkeit, welche das Fundament einer guten Leistung darstellt und gleichzeitig langfristig für ein bewegtes Leben mit möglichst wenigen Beschwerden sorgt.

Funktionell kann daher ganz simpel auch bedeuten, dass Bewegungsformen ausgeübt werden, die für den individuellen Alltag und Anspruch zweckmässig sind. Ein funktionelles Training der Sturzprophylaxe für Seniorinnen, ein funktionelles Training für einen Speerwerfer oder eben eins für die Marathonläuferin sind dabei komplett unterschiedliche Angelegenheiten. Und ein Handwerker muss vielleicht spezifisch seine Rumpf- und Rückenmuskulatur pflegen, während ein Bürogummi sein Herz-Kreislauf-System aktivieren sollte, um den Belastungen im Alltag standhalten zu können und gesund zu bleiben.

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Vielseitigkeit ist gefragt

Auf den Hobbysport übertragen stehen bei einem funktionellen Training die grundlegenden Bewegungsmuster des Menschen im Vordergrund. Diese sind nicht neu, gingen aber im Laufe der Jahre verloren und je länger desto mehr müssen sie spezifisch wieder reaktiviert und gepflegt werden. Rollen, Kriechen, Stützen, Ziehen, Stossen, Springen, Bücken, Heben, Hangeln, Hocken, Aufstehen sowie Drehbewegungen – dies alles sind Bewegungsformen, die den Menschen prägen oder als Kind geprägt haben.

Wer sich wieder vermehrt wie ein Kind auf einem Spielplatz bewegt (wann haben Sie das letzte Mal einen Purzelbaum geschlagen oder einen Kopfstand gemacht?) oder auf einem Vitaparcours die vorgegebenen Übungen ausführt, absolviert in vielerlei Hinsicht automatisch ein funktionelles Training. Weil er oder sie Dinge macht, die vergessen geraten sind.

An den Schwächen feilen

Ambitionierte Hobbysportler interessieren dabei natürlich vor allem Übungen, die sie spezifisch in ihrer Sportart weiterbringen und/oder schneller machen. Laufsportler sollten daher ihre Fuss- und Rumpfmuskulatur stärken, Langläufer ihre Rumpf- und Schulterbeweglichkeit verbessern und Radfahrer ihre hinteren Oberschenkelmuskeln dehnen sowie Rücken-, Nacken- und Schultermuskeln stärken. Und zwar bevor etwas zu schmerzen beginnt.

Das Zauberwort lautet nicht funktionelles Training, sondern Vielseitigkeit. Trügerisch dabei ist der Umstand, dass eine ganze Weile lang mehr Dauertraining in einer Sportart automatisch auch für bessere Leistungen sorgt und die Vielseitigkeit ihre Stärke in erster Linie im Hintergrund als Verletzungsprophylaxe ausspielt und nur bedingt direkt für eine Leistungssteigerung sorgt.

Und leider ist es so, dass man bei der Ausübung einer Sportart nicht automatisch alle beteiligten Gelenke, Muskeln und Sehnen fördert, wenn diese gefordert werden. Dies gilt vor allem für Laufsportler. Die Belastbarkeit muss mit einem gut durchdachten und eben «funktionellen» Training zuerst ermöglicht werden. Hobbysportler sollten sich daher in ihrem Bewegungsalltag nicht nur überlegen, was sie gerne und daher automatisch regelmässig machen, sondern vor allem auch, was sie vernachlässigen, aber eigentlich für ihre Sportart und Gesundheit gut wäre.

In diesem Sinne hier eine persönliche Aufforderung an Sie, liebe Leserin, lieber Leser. Ersetzen Sie in den nächsten zwei Monaten eines Ihrer wöchentlichen Trainings mit einem vielseitigen Kraft-, Koordinations- und Gymnastikprogramm von gleicher Länge wie das gewohnte Ausdauertraining. Und wenn Ihnen das zu viel ist, können kräftigende Übungen jetzt im Frühling auch bestens in eine Ausdauereinheit integriert werden mit einem Training auf dem Vitaparcours oder einigen spezifischen Übungen (Lauf-ABC, Fusskräftigung, Barfussaufen auf der Finnenbahn) vor, während oder nach dem Trainingslauf. Dazu eignet sich natürlich auch gut ein entsprechendes Gruppenangebot im Fitnesscenter, wenn Sie sich keine eigenen Gedanken dazu machen möchten.

Der Zeitpunkt ist jetzt im Frühling wichtig, denn erfahrungsgemäss erhöhen viele Ausdauersportler im Frühlingshoch ihre Trainingsumfänge ziemlich rasant. Und je mehr die Umfangsteigerung erfolgt, desto mehr sollten auch begleitende Massnahmen integriert werden. Also, halten Sie zwei Monate lang die Vorsätze durch und ziehen Sie danach ein Fazit, wie sich die Umstellung auf Ihr Befinden ausgewirkt hat. Wetten, dass die positiven Aspekte überwiegen?

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