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Sie denken, heutige Ultraläufer seien extrem? Weit gefehlt. Von frühen Kurieren, Schnellfüsslern, Kunstläufern, Prestipediateuren und anderen laufenden Sensationen.

Vogel fliegt, Fisch schwimmt – und Mensch läuft. Seit rund zwei Millionen Jahren macht die Fortbewegungsart auf zwei Beinen den gewissen Unterschied aus.

Laufend wurde gejagt, laufend wurde neues Terrain entdeckt und erobert, laufend fand die erste Kommunikation über weite Strecken hinweg statt. Seitdem sich der Mensch sozial strukturiert hat, spielen Läufer eine elementare Rolle: Ob sie das jagende Wild zu Tode hetzten, laufend kämpften oder in aufrechter Gangart den Kontakt zwischen Stämmen und Völkern hielten – es scheint, der Mensch ist durch seine gesamte Geschichte hinweg in erster Linie Läufer gewesen.

Hilfsmittel noch «jung»

Erst seit einem Wimpernschlag in der Evolution bedienen wir uns zusätzlich anderer Fortbewegungsmittel: Pferde, Schlitten, Schiffe, Kutschen, Züge, Autos und Flugzeuge. Doch es ist noch gar nicht so lange her, da gab es für rasch zu befördernde Nachrichten oder kleine Warenpakete über lange Strecken hinweg nur ein verlässliches Transportmittel: Den Läufer! Und dass sich ausgerechnet aus dem Berufsstand des Kurierläufers heraus die ersten professionellen Wettläufer rekrutieren sollten, die für Geld gegen die Zeit, um die Wette oder zur Schau liefen, war eine Ironie des Schicksals.

Kriegsentscheidende Botenläufer

Läufer als Kuriere einzusetzen, ist uralter Brauch und seit Jahrtausenden Usus. Vor allem militärisch waren Kurierläufer strategisch unverzichtbar und mitunter sogar schlachten- oder kriegsentscheidend. Karthager, Römer, Ägypter – sie alle setzten eher auf den laufenden als auf den reitenden Nachrichtenüberbringer, weil er zumindest auf langen Strecken schneller und sowieso unauffälliger unterwegs war.

Entsprechend wird von vielen Historikern mittlerweile nicht mehr die Möglichkeit, dass vor zweieinhalbtausend Jahren ein Bote über 40 km von Marathon nach Athen lief, um die Nachricht vom Sieg bei einer Schlacht zu überbringen, in Zweifel gezogen, sondern eher der dramatisch wirkende Zusatz, dass er «im Ziel» vor Erschöpfung tot umgefallen sei. Denn Strecken über 40 km gehörten damals schon zum normalen Geschäft der Kurierläufer.

130 km pro Tag normal

Das war übrigens auch rund tausend Jahre später auf der anderen Seite der Weltkugel so. Die riesigen mittel- und südamerikanischen Reiche der Azteken und Inkas konnten nur bestehen, weil sie durch ein ausgeklügeltes Botenläufer-System politisch und militärisch zusammengehalten wurden. Die Chasquis, Botenläufer, schafften es über Staffelläufe und ein ausgeklügeltes Strassennetz von Tausenden Kilometern Länge, Botschaften innerhalb eines Tages über 400 km zu transportieren – die Raramuri («die schnell rennen»), ein Volk das heute noch zurückgezogen in Mexiko lebt und besser bekannt ist unter dem spanischen Namen Tarahumara, haben aus dieser Zeit noch eine Art «Talent» geerbt, das sie befähigt, Tagesetappen bis zu 130 km im Dauerlauf zu absolvieren.

Mit dieser Art der Kommunikation waren die Inkas und Azteken den Europäern des Mittelalters so weit überlegen, dass etwa die Spanier, nach ihren vernichtenden Eroberungszügen in Amerika, dieses Nachrichtensystem noch bis weit ins 18. Jahrhundert beibehielten.

Billiger als Pferde

Doch zurück auf den «alten Kontinent». Auch hier versuchte man, über Jahrhunderte hinweg, ein einigermassen verlässliches Botensystem mit Staffelläufern aufzubauen, was aber bis ins 15. Jahrhundert aufgrund der politischen Zersplitterung der Länder in ungezählte Grafschaften und Gemarkungen kaum effizient möglich wurde. Folgerichtig besann man sich auf einzelne Boten, die zu Fuss vom Versandort bis zum Ziel die Nachricht bei sich trugen und getreu in die Hände des Empfängers legten. Dass diese Boten per pedes unterwegs waren, hatte wirtschaftliche Gründe: Ein Pferd wäre in der Anschaffung zu teuer, im Unterhalt kaum bezahlbar und auch zu riskant gewesen – die «Maschine Mensch» galt als zuverlässiger und robuster.

Und damit die Boten nicht unterwegs irgendwelche Arbeiten annahmen, ihre «Spesen» masslos in Kneipen versoffen oder sich einfach auf der Wegstrecke «bei liderlichen Weibsbildern» niederliessen, waren sie an Treue-Eide gebunden. Ein Schweizer Dokument aus dem Jahr 1400 macht deutlich, dass «ein Louffer zu schweren, getrüwlich und erlich zu dienen» habe.

Dass in diesen Zeiten enorme Botenstrecken absolviert wurden, lässt sich in zahlreichen Verträgen und Dokumenten der damaligen Zeit nachweisen (von Freiburg nach Hamburg, von Leipzig nach Bremen, von Paris nach Marseille, von Bern nach Berlin oder von Frankfurt nach Rom). Ob die Kuriere hierbei laufend oder marschierend unterwegs waren, ist allerdings nicht belegt.

Laufender Klatsch

Als im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts auch immer mehr Bürger und nicht nur die herrschaftlichen Häuser Nachrichten in alle Welt verschicken wollten, begann eine Art Blütezeit für Boten, die in jeder Stadt an bestimmten Plätzen auf Kundschaft warteten und dann mit ihren Botschaften, im Voraus bezahlt, davoneilten.

Da Analphabetentum damals noch Gang und Gäbe war, wurden viele Botschaften mündlich überliefert, so dass ein Bote, der unterwegs einkehrte, ein gern gesehener bzw. gehörter Gast war, weil er eben das Neueste zu berichten hatte und – logischerweise wegen der Trinkgelder – gerne noch einen «draufsetzte».

Aufgrund eines wachsenden Konkurrenzdrucks dürften in diesen Zeiten die ersten echten «Läufer» als Boten durch Europa getrabt sein: Wer nachweislich die ihm anvertrauten Nachrichten schneller zum Empfänger transportierte, konnte für seine Dienste mehr Geld verlangen und erhielt zudem mehr Aufträge.

Postwesen als Konkurrenz

Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts die berittene «Thurn und Tax’sche Post» immer besser organisiert war und zumindest im Deutschen Reich auf eine sich stetig verbessernde Infrastruktur zurückgreifen konnte, wehte den laufenden Boten ein scharfer Wind entgegen. Innerhalb von einem Jahrzehnt starb damals ein ganzer Berufsstand aus; lediglich die Schweizer misstrauten dem Thurn’schen Postwesen, das zumeist auf Pferden und in Kutschen unterwegs war. Viele eidgenössischen Städte beschäftigten bis weit ins 18. Jahrhundert hinein weiterhin ihre Botenläufer, die in den Stadtfarben gekleidet durchs Land liefen.

Die nun zumindest auf herkömmliche Art arbeitslosen Botenläufer im restlichen Europa teilten sich damals in zwei Kategorien auf: Die einen blieben in der Stadt und fanden Arbeit als Postboten, die Nachrichten von Haus zu Haus trugen. Andre sahen ihre Bestimmung in ihrem Lauftalent und versuchten mit der Kraft ihrer Beine und langem Atem ein Auskommen zu erzielen.

Vor-Läufer mit Ehrenkodex

So begann die Zeit der Vorläufer, Schnellläufer, Kunstläufer, Schnellfüssler oder Prästipediateure, Fuss-Virtuosen, Geschwindläufer, Pedestrianisten, Footmen oder eben Coureurs a pied. Im polyglotten Sprachgebrauch des 18. und 19. Jahrhunderts kursierten viele Begriffe, die deutlich machen, dass Läufer in vielfältiger Form im Alltag unterwegs waren.

Unter allen waren die «Vor-Läufer» aus heutiger Sicht besonders kurios: die Herrschaften leisteten sie sich für ihre Überlandfahrten, damit diese «vor ihrer Kutsche einher lifen, um nach dem Wege eyne Schau zu halten» oder in der Stadt «eine Gass’ frey machten für ein bessres Durchkomm’».

Dass dabei enorme Strecken per pedes im Tempo einiger Pferdestärken zurückgelegt werden mussten, versteht sich von selbst: umgerechnet 80–100 km auf zum Teil miesesten Wegen waren keine Seltenheit. Und wer nun glaubt, dass Vorläufer zwischendurch zum Ausruhen auf die Kutsche aufspringen konnten, der irrt gewaltig: Der Ehrenkodex unter den Vorauseilenden verbat dies klar und deutlich, lieber starb man vor Erschöpfung, als diese Schmach zu erfahren.

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Wettrennen ab 18. Jahrhundert

Aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gibt es zahlreiche Dokumente und Briefe die belegen, dass selbst auf langen Strecken eher die Pferde an den Kutschen schlapp machten, bevor ein Vorläufer in seinen zum Teil bizarren Kostümen mit Federnschweif auf dem Kopf abwinkte und das Tempo drosselte. Auch Wettrennen bzw. –fahrten zwischen Herrschaftshäusern mitsamt Vorläufern sind belegt; dabei ging es oft um beträchtliche Wettsummen, von denen die Vorläufer freilich nur selten eine Prämie zugeteilt bekamen.

Übrigens kam es damals schon zu Standesdünkeln und Trends: Während die herrschaftlichen Schweizer und Deutschen eher auf ihre eigenen Landsleute als Vor-Läufer setzten, waren die Franzosen von den Laufqualitäten der Basken überzeugt, und bei den Österreichern galt es als chic, Italiener vorlaufen zu lassen.

Schau-Wettläufe im Prater

Überhaupt, die Wiener. Sie hatten ein besonderes Faible für Läufer, insbesondere für Wett-Läufer. Im Prater fanden Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts regelmässig Schau-Wettläufe statt, und zwar meistens unter Läufern, die tatsächlich den Berufsstand des Schnellläufers hatten. Um denselben zu erlangen, mussten sie den Freilauf von Mariabrunn und zurück, rund 18 km, in unter 1 Stunde und 12 Minuten schaffen, also im 4-Minuten-Schnitt – keine Kleinigkeit für Prestipediateure, die in Livree und mit Schnallenschuhen unterwegs waren.

Doch einmal den «Läufer-Brief» in der Tasche, winkten den Talentierteren einträgliche Verdienstmöglichkeiten, denn die Grossstädter, egal ob in Wien, Berlin, Hamburg oder Zürich, fanden immer mehr Gefallen an den Spektakeln rund um die Läufer. Schon damals wurde darauf geachtet, dass die Strecken publikumswirksam ausgelegt wurden, so dass die zahlenden Zuschauer immer mitten im Geschehen waren. Oder aber zumindest der Wendepunkt einer (langen) Strecke mehrmals vor den Augen des Volkes umrundet werden musste.

Rückwärtslaufen über 50 km

Besondere Zuschauergunst errangen die Schnellläufer, wenn sie – circus maximus – völlig erschöpft ins Ziel wankten. Es sind zahlreiche Todesfälle bei grossen Schauläufen belegt; ein Pfarrer hatte (der letzten Ölung wegen) immer im Ziel zu sein. Dass die Zuschauer bald mehr erleben wollten als «nur» den klassischen Lauf, versteht sich von selbst. So entstanden Variationen wie Rückwärtslaufen – es gibt verbürgte Wettrennen über umgerechnet rund 50 km, die von mehreren Läufern rückwärts zurückgelegt wurden – und über viele Jahre hinweg war es Usus, Wettläufe zu zwei Dritteln vorwärts und ein Drittel rückwärts zurückzulegen.

Über kürzere Strecken banden sich mitunter Läuferpaare am Bein zusammen und traten gegen andere gefesselte Duos an; zudem gab es Wettläufe im Walzerschritt, mit Ketten und Eisenkugeln an den Füssen, mit einem Fass auf dem Rücken, in dem die sprichwörtliche Schwiegermutter sass, in Harnischen oder Kerzen tragend (die nicht ausgehen durften) bzw. im Dunkeln mit Fackeln auf Rundkursen oder durch die Gassen der Stadt.

Super Verdienstmöglichkeiten

Viele der Läufer zogen durch ganz Europa und boten – einzeln oder mit/gegen Kollegen – ihre Künste von Paris bis Moskau, von Rom bis Hamburg an. Ihre Verdienste waren für die damalige Zeit mit «hervorragend» zu bewerten; nicht nur aus Eintrittsgeldern und Siegprämien bestanden die Einkünfte, offenbar wurde bei den Wetten auch reichlich Schiebung betrieben.

Dass eine derart beliebte Volksbelustigung auch ihre Stars grosszieht, liegt in der Natur des Wettkampfes. So gab es vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrere Schnell- und Kunstläufer, die von Stadt zu Stadt zogen, von Land zu Land und Herrschaft zu Herrschaft, wo sie ihre Schauläufe absolvierten.

Wie etwa der Schnellläufer Johann Valentin Göhrich aus dem Deutsch-Hessischen Langen, der in ganz Europa seine Laufvorstellungen gab und es in fast alle Königshäuser schaffte, einschliesslich St. Petersburg. Oder der Schnellfüssler Samuel Hartwig aus Offenbach, bekannt als der «Wetterläufer», weil er seine Vorstellungen bei jeder meteorologischen Laune gab. Oder Demoiselle Braun, die als eine der wenigen Frauen allein wegen der Ausübung einer «sportlichen» Tätigkeit im Biedermeier Aufsehen erregte.

Der Weltenläufer Mensen Ernst

Doch alle wurden überschattet von einem buchstäblichen Über-Läufer, der solch enorme Strecken absolvierte, dass selbst heute im Zeitalter der Extreme, vieles noch als schier unmöglich erscheint: Mensen Ernst.

Der gebürtige Schwede fuhr als Jugendlicher zunächst zur See, bevor er sich als junger Mann zunächst in London niederliess und sich als Kunst- und Schnellläufer einschrieb, um erste «Produktionen» darzubieten. Es hielt ihn allerdings nicht lange auf der Insel, deren Ausmasse für Ausdauerläufer mit seinem Anspruch nicht gross genug waren.

Auf Mensen Ernst wartete die Welt, und das meinte er nicht nur im sprichwörtlichen Sinne. Nachdem er auf den Kontinent übersetzte (übersiedelte wäre falsch, denn der Schwede hielt sich nur selten länger als ein paar Wochen an einem Ort auf) begann er mit dem, was er tatsächlich am besten konnte: laufen.

Mensen Ernst lief kreuz und quer durch Europa, bot in über 70 Städten seine Künste dar, hatte ausreichend Einnahmen, die er offenbar rasch wieder verprasste, um keinen unnötigen Ballast auf seinen unglaublichen Laufstrecken mitzuschleppen. Er lief «mit einem Stück Brot in der Tasche» nach Konstantinopel, später in 59 Tagen vom Bosporos nach Kalkutta und zurück.

Mensen Ernst war ein laufendes Wunder: Vor allen Königshäusern zog er seine Show ab, keine Strecke zu lang, keine Zeitvorgabe zu kurz. Den Höhepunkt seines Bekanntheitsgrades erreichte er 1832, als er im Juni zu einer Art Schau-Botenlauf von Paris nach Moskau loslief und in beiden Städten offenbar enorme Summen auf sein Leistungsvermögen verwettet wurden.

Ernst wollte die 2200 km lange Strecke (Luftlinie) in 15 Tagen schaffen, was selbst bei seinem stürmischen, seltsam hüpfenden Schritt als unmöglich erschien. Nach unglaublichen Abenteuern, die er später detailliert zum Besten gab, erreichte er schliesslich einen Tag früher als vereinbart Moskau, wo ihn (noch) niemand erwartete! Mit einem Tagesdurchschnitt von rund 160 km bewies er damals aller Welt und speziell den Königshäusern, dass Laufen die schnellste Fortbewegungsart für lange Strecken war.

Tod in Afrika

Nachdem der Schwede den Alten Kontinent laufend erobert hatte, entdeckte er für sich die schier unermesslichen Weiten Afrikas. Im Jahre 1842 war er für den damals berühmten weltenbummelnden Fürsten Pückler unterwegs, er sollte laufend die Quellen des Weissen Nils erkunden. Mensen Ernst lief über Konstantinopel nach Kairo. Dann, etwa 1000 km weiter südlich, streckte ihn in den Sandwüsten um die Stadt Syenes die Ruhr nieder. Das vielleicht grösste Laufwunder aller Zeiten wurde von (anderen) Nomaden an Ort und Stelle profan verscharrt, heute dürften seine Gebeine unter den Wassern des Assuan-Stausees liegen.

54 Jahre später eröffnete Coubertin 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in Athen, die in erster Linie einen völkerverständigenden Charakter hatten. Vielleicht wären Läufer wie Mensen Ernst als Profis sogar abgelehnt worden. Oder sie hätten – angesichts der damals noch leeren Kassen im Olympischen Komitee – gar nicht erst eine Teilnahme erwogen.

 

Wer Detailliertes über Kurier-, Vor- und Schnellläufer lesen möchte, dem seien folgende Bücher ans Herz gelegt:

  • Stephan Oettermann: Läufer und Vorläufer. Zu einer Kulturgeschichte des Laufsports
  • Herbert Bauch/Michael Birkmann: «… die sich für Geld sehen lassen…». Über die Anfänge der Schnell- und Kunstläufe im 19. Jahrhundert
  • Fürs Herz: Marc Buhl: Rashida oder Der Lauf zu den Quellen des Nils. Roman (also nicht an Tatsachen gebunden) über das Leben des Mensen Ernst.

 

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