Bildquelle: © Swiss-Image

Die Pandemie hat den Schweizer Volksläufen in den letzten zwei Jahren arg zugesetzt. Der Teilnehmerrückgang belief sich auf rund 50%. Trotz Sorgen sehen die Veranstalter nun wieder Morgenröte. Eine Bestandesaufnahme.  

Der Zürich-Marathon, einer der ersten grossen Volksläufe in diesem Jahr, hat es gezeigt: Die Lust der Menschen auf Sportevents ist da, es geht wieder aufwärts, die Teilnehmerzahlen steigen. 13072 Namen standen in Zürich auf der Startliste, fast 1500 mehr als im Rekordjahr 2018. Der City-Run und der erstmals inszenierte Halbmarathon waren schon drei Wochen vor dem Start ausverkauft. Die Veranstalter von Human Sports freuten sich. Nach Pandemie-bedingten Absagen in den Jahren 2021 und 2020 herrschte in Zürich wieder Aufbruchstimmung.

Da konnte es das OK verschmerzen, dass viele Angemeldete gar nicht teilnahmen. Die DNS-Quote (=DoNotShow) war gross, jeder Vierte verzichtete auf den Start – wohl auch eine Folge von einer durch Corona beeinträchtigten Vorbereitung und der im Vorjahr übertragenen Startplätze, die nicht eingelöst wurden. Beim Marathon erreichten gleichwohl 2700 das Ziel – das sind so viele wie seit 2015 nicht mehr. Die Frauenquote (500 Finisherinnen) liegt bei knapp 20%, in früheren Jahren war sie auch schon höher.

Als Erfolg darf die Halbmarathon-Premiere mit 3949 Finishern gewertet werden. Ein Frühlingslauf in Zürich über die populäre Distanz entspricht offensichtlich einem Bedürfnis und hat Potenzial.

Frühlingsgefühle in Bern

Neue Zuversicht auch beim Grand Prix von Bern. Der beliebteste Laufsport-Event der Deutschschweiz, der 2018 noch mehr als insgesamt 30000 Läuferinnen und Läufer anzog, musste sich letztes Jahr mit gut 8000 Teilnehmern begnügen. Ein Desaster für den Klassiker mit den «schönsten zehn Meilen der Welt». Die Verschiebung in den Herbst und die Schutzkonzepte, die ein Lauffest wie früher verhinderten, hatten den Organisatoren arg zugesetzt. Nun, vor der 40. Austragung am 14. Mai, spürt der Grand Prix wieder den Frühling. «Wir rechnen mit rund 20000 Teilnehmern», sagt Rennleiter Michael Schild.

Dank dem Stabilisierungspaket des Bundes sind die Berner in den Corona-Jahren mit einem blauen Auge davongekommen. Die Pandemie und deren Folgen haben aber viel Substanz gekostet. Auch andere «Big Player» mussten erhebliche Einbussen hinnehmen. In den Corona-Jahren verzeichneten die zwölf grössten Schweizer Lauf-Events einen durchschnittlichen Teilnehmerrückgang um 60%, wie eine von der Firma Trackmaxx erstellte Statistik zeigt. Oder anders ausgedrückt: Nahmen im Jahr 2019 noch über 210000 Personen an den Top-12-Events teil, waren es letztes Jahr noch knapp 85000.

Von diesem Rückschlag scheint sich die Laufszene mittlerweile wieder erholt zu haben. Die Aufhebung der Corona-Massnahmen hat den Veranstalter neuen Schub verliehen. Der Auffahrtslauf St. Gallen, der in der Pandemie mehr als die Hälfte der Läuferinnen und Läufer verloren hat, rechnet am 26. Mai wieder mit mindestens 6000 Teilnehmenden.

Die Lauf-Events blühen langsam wieder auf. Und dennoch: «Der Andrang ist nicht ganz so gross wie jener der Automobilisten vor Ostern am Gotthard», sagt Reto Schorno, Präsident des Vereins Swiss Runners, dem 41 Laufveranstaltungen angehören. «Die Zahlen aus der Zeit vor Corona werden wir in diesem Jahr nicht erreichen. Und wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren nicht», glaubt Schorno. Viele Leute seien Grossveranstaltungen gegenüber noch zurückhaltend, vorsichtig und zuweilen auch skeptisch.

Grosse Wertschätzung für Spezialformate

Zwei fordernde Jahre hat auch Markus Ryffel mit seiner Firma «Markus Ryffel’s» hinter sich. Der Veranstalter vom Survival Run, Schweizer Frauenlauf und Greifenseelauf wollte seine Events auch in Corona-Zeiten wenn immer möglich durchführen und hat dafür viel Zeit und Aufwand in spezielle Austragungsformen investiert. Beim Greifenseelauf konnte man während vier Tagen individuell starten und den Lauf mit Zeitmessung, aber ohne Massenstart geniessen. Bei vielen Teilnehmern ist dieses Sonderformat ausserordentlich gut angekommen, dennoch starteten schlussendlich deutlich weniger als gewohnt.

Trotzdem würde es Markus Ryffel wieder so machen: «Die Wertschätzung beim Greifenseelauf war überwältigend, wir hatten unglaublich viele positive Rückmeldungen.» Und auch wenn die Läuferinnen und Läufer noch nicht wieder in Scharen an den Startlinien stehen, glaubt Ryffel daran, dass die Teilnehmerzahlen langfristig wieder auf Vor-Corona-Niveau ansteigen werden: «Es braucht aber vermutlich zwei, drei Jahre, bis die regelmässigen Eventsportler vollständig zurück sind.»

Werbung

Soziale Interaktion fehlte vielen

Seinen Optimismus begründet Markus Ryffel so: «Die letzten drei Jahre mit all den weltweiten Negativ-Ereignissen haben in der Schweiz zu einem Outdoor-Boom und einer Renaissance der Zwischenmenschlichkeit geführt. Und genau das bieten Laufevents: Eine soziale Interaktion, gepaart mit einem Lauf- und Naturerlebnis an der frischen Luft und der Befriedigung einer körperlichen Anstrengung.»

Als nächster seiner Events steht am 12. Juni der Frauenlauf an. Normalerweise lockt der Frauenlauf deutlich über 10000 Sportlerinnen an, in diesem Jahr hofft Ryffel, «möglichst nahe an die 10000er-Marke heranzukommen.»

Die Corona-Sieger

Trotz des teilweise krassen Teilnehmerschwundes gab es in der Pandemie auch einige Gewinner unter den Lauf-Events. Die «20 km de Genève» (erstmals mit zusätzlichem 10-km-Lauf) feierten letztes Jahr mit 3706 Finishern einen neuen Rekord. Ebenso der Ascona-Locarno-Run (1524) und der kleine, aber professionell aufgezogene Bürenlauf (1140).

Neu im Gespräch sind zudem spezielle Event-Formate, die in der Pandemie aufgegleist wurden, wie beispielsweise der Migros Run’n’Win. Den virtuellen Lauf absolvierten letztes Jahr 47735 Lauflustige. Wobei anzufügen ist, dass die Rennserie insgesamt 72 Eventtage umfasste, die stark beworben wurden. Pro Event nahmen durchschnittlich 670 Läuferinnen und Läufer teil, wobei viele «Wiederholungstäter» waren. Bei virtuellen Rennen, die als Ergänzung zu realen Events inszeniert wurden, blieb das Echo der Läuferschaft hingegen äusserst bescheiden. Insgesamt verdeutlichte die Pandemie, dass der «analoge» Laufsport (noch) deutlich beliebter ist als der «digitale».

Reichen die gängigen Formate?

Bleibt die grosse Frage, ob die vor der Pandemie gängigen Event-Formate reichen, um die Läuferinnen und Läufer langfristig zurück an die Startlinie zu holen. Zumal in den letzten rund fünf Jahren bei den meisten grossen Events in den Hauptkategorien bereits tendenziell ein leichter Teilnehmerrückgang stattgefunden hat. Wurde dieser Trend nun durch Corona verstärkt – oder allenfalls gestoppt? Das Zünglein an der Waage spielen langfristig wohl all jene, die während Corona mit Laufsport begonnen haben, von denen man aber noch nicht weiss, ob sie je an einem Event teilnehmen werden.

Gleichzeitig stellt sich die Frage: Braucht es neue Ideen? Beim Radrennsport beispielsweise gibt es (Volks)Rennen, bei denen die Zeit nicht auf der ganzen Strecke gemessen wird, sondern nur auf einzelnen Abschnitten. Der Vorteil: Man kann in der Gruppe starten, auf den nicht gewerteten Sektionen gemütlich zusammenfahren und dann auf den Zeitabschnitten «Gutzi» geben. Und danach wartet man wieder auf den Rest der Gruppe, fährt und plaudert zusammen bis zum nächsten Zeitabschnitt. So kann Gruppenerlebnis und Wettkampf in reizvoller Weise kombiniert werden.

Oder wieso nicht Laufsport mit weiteren Konditionsfaktoren verbinden und Streckenformate schaffen, bei denen (z. B. mit Posten) neben der Ausdauer auch Geschicklichkeits-, Koordinations- und Kraftelemente abgefragt werden? Quasi ein Vita-Parcours als Wettkampfvariante?

Eine Neuerung hat sich Markus Ryffel beim Greifenseelauf mit der Teamstaffel ausgedacht. Neu kann man den Halbmarathon zu zweit auf spezielle Art und Weise absolvieren. Einer der beiden startet in Uster, sammelt dann in Maur seinen Partner/Partnerin auf, worauf beide zusammen in Uster ins Ziel laufen und die Addition beider Zeiten gewertet wird. Ryffel hofft, dass engagierte Sportler so ein «Gspänli» zum Mitmachen motivieren können.

Die meisten setzen auf Bewährtes

Vorderhand setzen die meisten Veranstalter allerdings auf ihre über viele Jahre bewährten Wettkampfformate, zumal Neuerungen immer auch Mehraufwand und oft Mehrkosten verursachen. Die nötigen «Kässeli», um Risiken eingehen zu können, sind bei den meisten aber aktuell leer und vielmehr gilt es ein rigoroses Kostenmanagement durchzusetzen. Zumal die Sponsoren aktuell im Laufsport nicht Schlange stehen und es immer schwieriger wird, ohne Startgeldaufschlag die Qualität hochzuhalten.

Was Sie auch interessieren könnte

Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.