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Kein Berg polarisiert so sehr wie der Mount Everest. Primär darum, weil er der höchste Berg der Welt ist. Noch nie wurden so viele Bewilligungen für die Besteigung ausgestellt wie letztes Jahr, und dennoch geht die Nachfrage tendenziell zurück.

Einmal da oben zu stehen, auf dem höchsten Gipfel der Welt, dem Himmel so nah wie sonst nirgendwo, einmal auf den Mount Everest, 8848 Meter über Meer, dahin, wo es nur wenige schaffen – das fasziniert die Menschen seit Jahrzehnten. Hunderte von Bergführern, Bergsteigern, Sherpas und Abenteurern machen sich jedes Jahr auf den beschwerlichen Weg zum «Qomolangma», wie die Tibeter den Everest nennen, der «Mutter des Universums».

Rekordzahl an Bewilligungen

Letztes Jahr hat das nepalesische Tourismusministerium insgesamt 408 Bewilligungen für die Besteigung des Mount Everest ausgegeben, so viele wie noch nie. Weder die Pandemie noch die schwierigen Witterungsbedingungen konnten den Rekordansturm bremsen. Dabei wütete das Corona-Virus im Basislager, wo sich zeitweise zwischen 1500 und 2000 Menschen aufgehalten haben. Manche erkrankten so schwer, dass sie evakuiert und mit dem Helikopter zu Kliniken in der Hauptstadt Kathmandu gebracht werden mussten. Bei der «Himalayan Database», die alle Expeditionen auf bedeutende Berge im nepalesischen Himalaya listet, vermutet man, dass es wohl nur die Hälfte der ausländischen Everest-Aspiranten auf den Gipfel geschafft hat.

Glück hatte Kari Kobler. Der legendäre Schweizer Bergführer, der seit dem Jahr 2000 Everest-Expeditionen veranstaltet, schickte sein Team frühzeitig los. Koblers Erfahrung und sein Spürsinn zahlten sich aus. Am 12. Mai erreichte seine Seilschaft den Gipfel.

Der Todesstau

Nicht immer aber verlaufen Expeditionen erfolgreich. Garantien auf ein Gipfelerlebnis gibt es keine am Berg, wo die Temperaturen zuweilen auf minus 40 Grad fallen. Und manchmal enden Expeditionen gar tragisch. Wie 2019, als das Wetter im Frühling bloss ein paar wenige Mai-Tage gut genug war für den Gipfelsturm und viele fast gleichzeitig losmarschierten. Rund 300 Bergsteiger standen am 22. Mai dann ganz oben, diese Rekordzahl aber führte zu einem fatalen Stau. Elf Menschen starben, weil sie in der sogenannten Todeszone zu lange hatten auf ihr persönliches Glück warten müssen.

Kobler war damals ebenfalls am Berg. Das Gedränge und der fehlende Respekt untereinander haben ihn kaum verwundert, weil er miterlebt hat, wer mittlerweile alles auf dieses Monument will: «Ich habe Mitglieder anderer kommerzieller Expeditionen gesehen, die ihre Steigeisen verkehrt herum montierten.» Noch deutlicher wird der US-Blogger Alan Arnette, der ebenfalls schon auf dem Everest stand: «Der Everest wirkt auf viele Menschen, auch solche mit bescheidenen Fähigkeiten, wie eine riesige Lichtquelle», schreibt Arnette in einem Blog, «sie werden wie Motten angezogen, obschon sie wissen, dass sie sterben werden, wenn sie dem Licht zu nahe kommen. Wahnsinn.»

Jeder Zwanzigste stirbt

Rund 6000 Personen haben bislang erfolgreich den Everest bestiegen, 300 sind auf dem Hin- oder Rückweg gestorben. Gleichwohl sind die Anforderungen für kommerzielle Anbieter umstritten. Auf der tibetischen Seite, wo die Chinesen den Lauf der Dinge kontrollieren, werden jedes Jahr höchstens 300 Bewilligungen (Permits) ausgestellt. Auf der nepalesischen Seite hingegen gibt es keine Zugangsbeschränkung. Der Bergtourismus ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor Nepals. Neu ist, dass auch die Sherpas den Geschmack des Geldes mögen. «Früher waren sie einfache Träger, heute sind sie selbst Unternehmer», hat Kari Kobler erfahren. «Einige mischen gerade den Markt auf, indem sie Kunden über Tiefpreise anlocken und dann sparen, wo sie können.» «Wildwuchs» und «Anarchie» sind noch zwei der harmloseren Bezeichnungen, die Kobler für den Umgang Nepals mit dem Everest und den Möchtegern-Bezwingern findet. «Die Politiker reden zwar von Sicherheit, sitzen aber in Kathmandu und sacken das Geld ein.» 11 000 Dollar kostet auf der Nepal-Seite allein die Bewilligung.

Wer über das nötige Kleingeld verfügt, und sich für Höheres berufen fühlt, kann bei nepalesischen Anbietern ein Everest-Paket für 30 000 Dollar buchen. «Die Nepalesen fokussieren heute vermehrt auf die Masse», schreibt Everest-Blogger Arnette, «sie sind deshalb bereit, auch Novizen mitzunehmen. Sie werben gar damit, dass man keine Erfahrung brauche, weil man alles am Berg lernen könne. Erfahrung, Qualität oder Sicherheit – Attribute, mit denen andere Firmen für sich werben – nehmen sie nicht einmal in den Mund.»

Kostenpunkt: Rund 70 000 Dollar

Viele ausländische Anbieter offerieren eine Everest-Expedition im Bereich von 70 000 Dollar. Wer über das Berner Unternehmen Kobler und Partner bucht, zahlt 59 500 Dollar für den Aufstieg von der Südseite, die der Erstbesteigung im Jahr 1953 entspricht. Oder 67 000 US-Dollar für den Aufstieg von der Nord-Seite, die als einfacher und weniger gefährlich gilt.

Gleichwohl hat Kobler die Expedition, die am 10. April hätte starten sollen, abgesagt. Stattdessen weilt der 66-Jährige in seinem Zweitdomizil im argentinischen Mendoza. Von da aus koordiniert er für die Partner-Agentur Touren auf den höchsten Berg Südamerikas, den Aconcagua (6962 m). Der Aconcagua sei ebenfalls hoch im Kurs, sagt Kobler. «Gegenüber 2019 haben sich die Teilnehmerzahlen verdoppelt.» Die Faszination des Höhenbergsteigens ist ungebrochen. Kobler glaubt, dass die Nachfrage nach dem Besteigen der «Seven Summits», den sieben höchsten Gipfeln auf allen Kontinenten, noch zunehmen wird.

Bis -50 Grad Celsius

Der Mythos Everest hingegen hat die Szene gespalten. Viele Profis haben sich abgewandt vom Kultberg und seinem Massentourismus. Der Everest sei zu einem Zirkusberg verkommen, klagt Reinhold Messner, der Übervater des Höhenbergsteigens. Es gebe «zu viele Möchtegern-Bergsteiger» und zu viele Rekord-Versuche am Berg. Messner denkt dabei nicht nur an «die Inder, die in Sandalen antreten», sondern auch an Abenteurer wie Jost Kobusch. Der 29-jährige Deutsche wollte jüngst als erster Mensch im Winter auf den Everest – solo und ohne Flaschensauerstoff. Und noch dazu auf einer besonders schwierigen Route.

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Höher als 6500 Meter kam er aber nicht. Immer wieder wurde er von Stürmen gestoppt. Im Winter ist der Mount Everest ein besonders lebensfeindlicher Ort – mit Temperaturen bis minus 50 Grad und Windgeschwindigkeiten bis 250 km/h. Doch schon kurz nach dem Abbruch seines Projekts hat Kobusch auf Social Media seine Rückkehr angekündigt: «Im nächsten Winter versuche ichs wieder.» Messner nennt Kobusch geringschätzig den «Weltmeister im Ankündigen.»

Falsche Eindrücke

Früher galt der Everest als unberechenbares Abenteuer, den besten Alpinisten der Welt vorbehalten. Heute werden in Mainstream-Medien gerne die Geschichten erzählt von Menschen, die selbst mit Handicaps das Dach der Welt erklommen. Wie jene des beinamputierten Kolumbiers Nelson Cardona, des blinden Österreichers Andy Holzer oder des Japaners Yuichiro Miura, der es im Alter von 80 Jahren und 223 Tagen noch auf den Everest schaffte. «Das erweckt den Eindruck, dass es jeder auf den Everest schaffen kann», sagt Diego Wellig, der als erster Schweizer die «Seven Summits» erklommen hat. «Früher hat man sich langsam an die Stirn des Himmels herangetastet hat, indem man kleinere Gipfel bezwungen hat. Heute muss es direkt der höchste sein.»

Kari Kobler kennt die Problematik. Er hat potenzielle Kunden schon abgewiesen, «weil sie sich offensichtlich überschätzten oder vom Typ her nicht ins Team passten.» Ohnehin nehme er nur Leute mit, die sich auf Vorbereitungs-Touren bewährt haben. Seine Empfehlung: «Alle, die auf den Everest wollen, sollen zuerst mal auf den Aconcagua.» Denn selbst ein superfitter Sportler wisse nicht, wie sein Körper in grosser Höhe reagiere. «Die einen bekommen schon auf 3000 Metern Kopfweh, andere haben auf 6000 Metern keinerlei Probleme.»

Für viele steht das Prestige zuvorderst

Dabei ist ihm aufgefallen, dass die Menschen aus den Alpenländern sich den hohen Anforderungen mehrheitlich bewusst sind. «Mitteleuropäer, die auf den Everest wollen, sind in der Regel sensibilisiert.» Für andere aber, vor allem wohlhabende Amerikaner, Chinesen und Inder, stehe zuweilen der Prestigegedanke im Vordergrund. Mit einer Everest-Besteigung zählt man schliesslich auch heute noch zu einem exklusiven Zirkel. Und wer mal ganz oben war, auf dem Dach der Welt, nährt das Image, alles schaffen zu können.

Kari Kobler war 20-mal am Everest, davon 6-mal auf dem Gipfel. Zahlen, die ihm nicht allzu viel bedeuten. Seine mehr als 4000 Nächte im Zelt findet er eindrucksvoller. Als «schönste Zeit am Everest» bezeichnet er die Expeditionen zwischen 2008 und 2013. «Da habe ich all meine Gäste auf den Gipfel gebracht», sagt er stolz, «und heil wieder runter.»

Neuer Trend: Akklimatisation zu Hause

Rund 50 Tage dauerte eine Everest-Expedition damals, heute ist der höchste Berg der Welt in rund 30 Tagen zu schaffen. «Präakklimatisation» heisst das Zauberwort dafür. Denn mithilfe eines Höhenzelts zuhause können Teilnehmer die Angewöhnung an grosse Höhen problemlos daheim im Schlafzimmer simulieren. Im Akklimatisationszelt wird das Sauerstoffangebot nach und nach reduziert, bis sich der Körper in der gewünschten Höhe wähnt und seinen Stoffwechsel entsprechend angepasst hat. Wer mindestens fünf Wochen in einem solchen Zelt schläft und dabei sauerstoffarme Luft atmet, kann auf die Akklimatisation vor Ort verzichten. Kari Kobler war mit «Express-Gästen» bereits erfolgreich am Everest unterwegs. Er sagt: «Mit vorakklimatisierten Gästen gehts nicht nur schneller, sondern auch einfacher.»

Die Präakklimatisation zu Hause ist zu einem neuen Trend geworden. «In drei Wochen auf den Mount Everest und zurück». Mit diesem Versprechen werben immer mehr kommerzielle Tourenanbieter für ein immer grösser werdendes Publikum. Höhenmediziner mahnen derweil zur Vorsicht. «Für eine vorbehaltlose Empfehlung des Systems ist es noch zu früh», sagt Forscher und Intensivmediziner Matthias Hilty vom Zürcher Universitätsspital im SAC-Magazin «Die Alpen». Erste Erfahrungen seien zwar positiv, «für eine abschliessende Beurteilung fehlen aber zuverlässige wissenschaftliche Daten». Noch sei etwa nicht klar, ob und allenfalls welche Vorerkrankungen eine Präakklimatisation schwieriger oder gar unmöglich machen würden.

Nachfrage rückläufig

Die Entscheidung ist jedem selbst überlassen. Wer wenig Zeit hat, aber viel Drang nach oben, dürfte die Methode schätzen. Es drängen sich aber auch ethische Fragen auf. «Wer ‹express› geht, hat weniger Zeit, um sich mit der Kultur in einem Land und mit den Menschen dort auseinanderzusetzen», weiss Kari Kobler, «und das ist definitiv schade.» Gleichwohl bieten Kobler und Partner die Express-Variante an. Kosten: 99 500 Dollar.

Die Pandemie und ihre Folgen haben aber auch Kobler und Partner zum Umdenken animiert. Der Umsatz habe sich seit 2019 «praktisch halbiert», sagt Kari Kobler. Everest-Expeditionen seien deutlich weniger gefragt. Im Trend seien dafür Hochtouren und Skitouren. «Da hat sich der Umsatz verdreifacht.»

Dem Everest wolle man aber nicht den Rücken zuwenden. Im Gegenteil: Kobler und Co. prüfen eben ein neues System bei den Sauerstoff-Flaschen. Diese sollen fortan nur noch bei Bedarf Sauerstoff liefern. Kari Kobler hofft, auf künftigen Everest-Expeditionen so mit zwei (statt bisher vier) Sauerstoffflaschen auszukommen. «Das wäre ein Meilenstein und würde vieles vereinfachen.» Eine Flasche wiegt 3,5 Kilo. Und wer will die heute noch auf den Everest tragen?

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