Bildquelle: ©Puma

Die aktuelle Laufschuhpalette im Laufsport hat sich optisch vereinheitlicht und fühlt sich durchs Band bequem und weich an. Der Komfort birgt aber auch Gefahren. Wir zeigen, welche Laufschuhe sich im Hobbysport auf längeren Strecken am besten eignen.

Wer aktuell einen Blick in die Auslage eines Laufsport-Fachgeschäfts wirft, sieht überall denselben Look: Massive Schuhe mit dicker, runder Sohle, die ein reaktives Schaummaterial in der Zwischensohle haben und durch ein geschmeidiges Obermaterial superbequem und überdies extrem leicht sind. Die Hersteller wissen, dass der erste Kaufentscheid beim Kunden vom Fit und Komfort eines Schuhes abhängen, daher sind alle Modelle weich und bequem.

Das Problem dabei gleicht der Quadratur des Kreises, denn im Laufschuhbau gilt: Extrem leicht und extrem reaktiv = instabil! Viele wollen schnelle und weiche Schuhe, vergessen aber, dass derart gebaute Schuhe nur von Läuferinnen und Läufern gelaufen werden können, die dank einer guten Rumpf- und Beckenstabilität, starken Hamstrings und einem aktiven Laufstil aus dem Fussgelenk heraus selbst für Stabilität sorgen und die Dynamik solcher Schuhe ausnutzen können.

Je dynamischer ein Schuh, desto leitungsfähiger muss auch das «Fahrgestell» der Läuferin oder des Läufers sein. Dem Gros der Hobbyläuferinnen und -läufer mangelt es aber exakt an diesen Eigenschaften, vor allem auf längeren Distanzen, weshalb sie in solchen Schuhen schnell überfordert sind – und dies in mehrfacher Hinsicht. Einerseits im Verlauf einer langen Einheit oder eines längeren Wettkampfs irgendwo zwischen Halbmarathon und Marathon, wenn nach ein bis zwei Stunden die Muskulatur langsam übermüdet und der Schuh stabilisierende Eigenschaften übernehmen sollte. Andererseits aber auch durch die auftretenden Belastungen durch moderne (Karbon)Katapult-Schuhe, die ohne muskuläre Kontrolle langfristig schnell zu Überlastungen führen können.

Und drittens: Die Konstruktion von schnellen Laufschuhen ist nicht nur auf entsprechendes Tempo ausgelegt – sondern auch auf entsprechende Lauftypen. Sprich: Die meisten Läuferinnen und Läufer, die einen Marathon unter drei Stunden finishen, sind jung und wiegen unter 70 Kilo. Die Dämpfung und Reaktivität des Mittelsohlenschaums sind bei Wettkampfschuhen deshalb für diese Gewichtsklasse konstruiert und bieten langsameren – und meist schwereren – Läufern zu wenig Support.

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Die Spitze als Vorbild

Als im Laufe der letzten Jahre Untersuchungen belegten, dass die neuartige Laufschuhbauweise die Zeiten über die Marathondistanz bei der Elite um rund 3-4 Minuten senken, war der Bann gebrochen – auch im Hobbysport. Kein Hersteller wollte den Trend verschlafen und kaum einer hatte den Mut, andersartige oder zumindest seine bisherigen Konzepte weiterzuverfolgen. Alle versuchten mit dem bezüglich Karbonschuhen lange führenden US-Gigant Nike gleichzuziehen, woraufhin die früheren flachen und direkten Erfolgsmodelle rasch aus dem Sortiment verschwanden und sich heute das Gros der Wettkampfschuhe im Schuhregal optisch gleicht wie siamesische Zwillinge.

Schon bald meldeten sich allerdings Sportmediziner und Biomechaniker zu Wort und warnten vor den auftretenden Belastungen der Extrembauweise – zumindest dann, wenn man ausschliesslich in solchen Schuhen unterwegs ist. Oder dann, wenn Hobbysportler mit einer 4-Stunden-Marathonbestzeit und VW-Chassis meinen, sie können die Ferrari-Modelle der Elite laufen. Doch die dicken und weichen Sohlen verändern die Hebel der Bodenkräfte zum Sprung- und Kniegelenk und begünstigen bei häufigem Einsatz klassische Überlastungserscheinungen wie Achillessehnen- und Schienbeinprobleme. Gleichzeitig provozieren sie auch neue Verletzungsmuster weiter oben wie Stressfrakturen am Oberschenkelhals und im Kreuzbein oder Schambeinentzündungen.

Wichtige Stabilisierung

Da Muskulatur, Sehnen und Bänder bei einer Dauerbelastung von mehreren Stunden ermüden und auch Neutrallaufende oft dazu tendieren, nach innen oder aussen wegzuknicken, sollten Laufschuhe im Hobbysport zumindest im mittleren Bereich der Sohle etwas fester sein, um eine zu extreme Torsion auszugleichen. Viele Hersteller haben das mittlerweile erkannt, wodurch die aktuelle Laufschuh-Palette wieder deutlich vielseitiger geworden ist im Vergleich zu den letzten Jahren.

Für Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer stellt sich die Frage, wie sie vorgehen sollen, um aus der Vielfalt der angebotenen Modelle einen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Laufschuh für längere Distanzen finden zu können. Die kurze Antwort: Lassen Sie sich im Fachgeschäft beraten! Der Grund: Online erhält man kaum differenzierte Angaben über die einzelnen Modelle, da sind alle praktisch für alle und alles geeignet.

Ein gut aufgestellter Fachhändler kann mit seiner Erfahrung und diversen Analyse-Tools beim Probelaufen feststellen, welcher Schuh optimal auf Ihre Fähigkeiten, Ihre Konstitution und auf Ihren Laufstil abgestimmt ist. Der gleiche Schuh kann sich beim einen Läufer komplett anders auswirken als beim anderen. Speziell für längere Distanzen ist es unabdingbar, dass der Läufer oder die Läuferin nicht gegen Ende des Laufs hin überfordert wird – und das findet man nur mit Probelaufen und dem Know-how eines Experten heraus.

Der Fachhandel versucht mit einer möglichst individualisierten Beratung die Kernfrage zu beantworten: Mit welchem Schuh ist ein Sportler genug stabil unterwegs? Oder wie es der ehemalige Schweizer Spitzen-Marathonläufer und heutige Ochsner Sport Running-Experte Viktor Röthlin formuliert: «Entscheidend ist nicht, wie genau ein Schuh gebaut ist, sondern wie der Schuh zum individuellen Laufstil des Läufers und der Läuferin passt.» Das bestätigt Colin Ramp, Inhaber vom Laufsport-Fachgeschäft Powerlab in Uster: «Ein athletischer, schlanker 65-Kilo-Läufer mit einer Pace von viereinhalb Minuten pro Kilometer benötigt mit Sicherheit andere Schuhe als ein 90-Kilo-Mann, der zweimal die Woche läuft und gleichwohl einen Marathon bestreiten will.»

Je nach Kunde oder Kundin präsentiert Ramp komplett unterschiedliche Modelle und nennt ein paar Beispiele: «Modelle mit moderater Führung sind beispielsweise der Brooks Adrenaline GTS oder der Saucony Omni, der auch für Schwergewichte geeignet ist. Ebenfalls etwas stabiler sind der Asics Superblast oder der Hoka Skyflow. Wenn der Kunde den Eindruck macht, dass er ein «Sport-Fahrwerk» besitzt, können auch etwas dynamischere Modelle in Frage kommen, wie der Saucony Endorphin Azura oder der On Cloudmonster Hyper.»

Und wenn der Kunde hereinspaziert und nach dem neusten Karbonschuh fragt, wie es oft der Fall ist? Colin Ramp: «Dann bieten wir ihm die Option, die Schuhe auf dem Laufband zu testen und analytisch zu vergleichen. Karbon gehört zum Markt dazu und macht ganz einfach Spass beim Laufen. Gleichzeitig informieren wir über die allfällige Problematik bei längeren Läufen, die ein Karbonschuh mit sich bringt. Der Kunde soll es aber selbst spüren und seine eigene Meinung bilden.» Falls stabilere Modell gefragt sind, empfiehlt Ramp «Hybrid-Schuhe» mit Kunststoffverstärkungen, «beispielsweise den On Cloudboom Max, den Hoka Mach X 3 oder den Puma Deviate Nitro».

Die Karbon-Frage

Die Einstiegsfrage nach einem Karbonschuh ist im Fachgeschäft ein Dauerthema und gibt auch Viktor Röthlin zu denken: «Viele fragen nach Karbonschuhen, und wenn man ihnen sagt, sie wären mit einem weniger aggressiven Schuh und Kunststoff als Stabilisator besser und gesünder unterwegs, sind sie schon wieder weg.» Sowohl Röthlin wie auch Ramp finden, dass für einen 3-4-Stunden-Marathonläufer in den allermeisten Fällen gemässigtere Laufschuhe sinnvoller sind als Karbonschuhe.

Geeignete Schuhe für diesen Zeitbereich wären laut Röthlin die Modelle «Adizero Boston, Asics Magic Speed, Asics Sonicblast, Brooks Hyperion oder Saucony Endorphin Speed.» Als Trainingsmodelle empfiehlt Röthlin «den Brooks Ghost, den Brooks Adrenaline, den Adidas Supernova Rise, den Asics Cumulus, den On Cloudmonster oder den Hoka Clifton.»

Ein wichtiger Grund, weshalb Hobbyläuferinnen und Hobbyläufer so häufig nach Karbonschuhen aus dem Elitebereich fragen, ist deren Leichtigkeit. Mittlerweile sind Schuhe auf dem Markt, die 150 Gramm oder noch weniger wiegen. Das fühlt sich federleicht an, und weil leicht und weich automatisch als bequem empfunden wird, stehen solche Schuhe bei allen Kunden hoch im Kurs.

Angebots-Einerlei

Wie schwer es ist, Kunden von alternativen Schuhkonzepten zu überzeugen, bestätigt auch Tobias Schumacher, Inhaber von Intersport Schumacher in Langenthal und seit vielen Jahren nicht nur Laufschuhhändler, sondern mit eigenen Marken wie X10D oder Modularis auch Laufschuhbauer. «Die meisten Händler machen es sich einfach und nehmen das ins Sortiment, wonach gefragt wird, deshalb haben viele dasselbe. Ein Verkäufer muss heutzutage neben einem breiten Sortiment über Spezialwissen verfügen, um einen Kunden von Laufschuh-Innovationen überzeugen zu können.»

Schumacher glaubt aber, dass sich die Entwicklung hin zu immer höheren und weicheren Schuhen langsam zu Ende neigt und die Nachfrage nach flacheren Modellen wieder ansteigen wird: «Bei der Dämpfung geht es nicht darum, so viel wie möglich zu haben, sondern so viel wie nötig.»

Eher direkte Laufschuhe sind für Schumacher aktuell der Mizuno Inspire, der Brooks Ghost, der True Motion U-Tech Nevos 4, der Asics Cumulus oder der Karhu Ikoni. Für Hobbyläufer, die für Halbmarathon und Marathon trainieren, empfiehlt Tobias Schumacher Modelle, die mehr Stabilität bieten wie etwa den Salomon Spectur oder den On Cloudboom Max.

Mehrere Modelle machen Sinn

Die Erkenntnis, dass man als Laufsportler oder Laufsportlerin nicht ausschliesslich in ultraleichten Wettkampfschuhen herumrennen sollte, wenn man langfristig beschwerdefrei sein möchte, beginnt sich langsam durchzusetzen. «Im Hobbysport braucht es den richtigen Mix», sagt Viktor Röthlin. «Matthias Kyburz ist aktuell der schnellste Schweizer Marathonläufer. Selbst er läuft nur rund 20% in Karbonschuhen und sonst mit anderen, stabileren Modellen wie dem Salomon Aeroglide Gravel oder mit Salomon-Trailschuhen.»

Ein weiteres Argument, weshalb auch stabilere Modelle ihren Platz im Schuhschrank finden sollten: Ultraleichte Laufschuhe weisen eine kurze Lebensdauer von nur wenigen hundert Kilometern auf, stabilere Modelle halten immerhin 500-700 Kilometer und speziell robuste Modelle wie ein Modularis von Tobias Schumacher sogar deutlich über 1000 Kilometer. Allerdings fühlen sie sich auch deutlich schwerer an als Leichtgewichts-Raketen, was viele von einem Kauf abhält.

Um muskulär vielseitig gefordert zu werden, macht es am meisten Sinn, regelmässig unterschiedlich gebaute Modelle von unterschiedlichen Herstellern zu laufen, so ist man am vielseitigsten unterwegs. Und natürlich ist auch die regelmässige Kräftigung ohne Schuhe mit Kraftübungen ein Riesenthema, welches leider immer noch von vielen vernachlässigt wird.

Blick in die Zukunft

Und wie sieht der Laufschuhbau der Zukunft aus? Tobias Schumacher denkt, dass vor allem Konzepte, welche die Sensomotorik aktivieren und beeinflussen, Potenzial haben könnten. «Ich glaube, dass man mit sensomotorisch wirkenden Komponenten das Zentralnervensystem mit gezielten Informationen derart speisen kann, dass der Fuss auf der physiologisch optimalen Linie abrollt.» Schumacher hat mit dem X10D bereits einen Socken auf den Markt gebracht, der mit andersartigem Gewebe dem Fuss taktile Informationen liefert und dadurch das Gangbild verbessern soll.

Für Viktor Röthlin könnten intelligente Platten in den Schuhen dazu führen, «dass sich ein Laufschuh gegen den Schluss eines Laufs hin dem Umstand anpasst, dass mit nachlassender Muskelkraft mehr Stabilität nötig wird. Ohne Elektronik im Schuh ist das allerdings nicht zu bewerkstelligen und alle Versuche diesbezüglich sind bislang gescheitert.» Ein weiterer Input von Viktor Röthlin: «Beim Chasing 100-Projekt von Adidas wurde auf einer Autorennstrecke in Nardo in Italien vor einem 100-km-Rekordversuch die Zwischensohle der Laufschuhe mit Stickstoff aufgefüllt, um die Reaktivität kurzfristig maximal zu erhöhen. Der südafrikanische Ultraläufer Sibusiso Kubheka schaffte es damit als erster Mensch, 100 Kilometer unter sechs Stunden in 5:59:20 Stunden zu laufen, was einem unglaublichen Durchschnittstempo von 3:36-Minuten pro Kilometer entspricht!»

Röthlins Zukunfts-Vision: «Vielleicht bringen in ein paar Jahre die Laufsportler ihre Schuhe vor einem Wettkampf zum Fachhandel, damit dieser die Schuhe optimal auf einen konkreten Event vorbereiten kann.»

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