Immer mehr Menschen konsumieren Supplemente. Sportlerinnen und Sportler hoffen, dadurch schneller oder kräftiger zu werden, doch meist gäbe es weit dringlichere Faktoren, die es zu optimieren gilt. Zudem darf man die gesundheitlichen Risiken nicht unterschätzen. Welche Substanzen sinnvoll sein können – und welche zu meiden sind.
Ein lukratives Geschäft mit ungewissem Nutzen
Nahrungsergänzungsmittel sind ein Milliardengeschäft: 2023 wurden weltweit 317 Milliarden Dollar damit umgesetzt, mit einem erwarteten jährlichen Wachstum von fast zehn Prozent. Allein in der Schweiz betrug der Umsatz in Apotheken und Drogerien zwischen Oktober 2024 und 2025 rund 256,8 Millionen Franken – ein Plus von knapp sechs Prozent. Am meisten Geld wird mit Mineralstoffen und Vitaminen verdient (156 Millionen Franken), gefolgt von Präparaten für den Magen-Darm-Trakt sowie Mitteln gegen Alterserscheinungen und zur Immunstärkung.
Wissenschaftlich ist dieser Boom kaum zu rechtfertigen. Zwar können manche Präparate durchaus gesundheitsfördernd sein, doch bei falscher Dosierung drohen ernsthafte Nebenwirkungen: Zu viel Vitamin E kann Durchfall und Sehstörungen verursachen, Vitamin A oder Beta-Carotin das Krebsrisiko erhöhen, Vitamin D zu Nierensteinen führen und übermässiges Eisen die Leber schädigen. Auch Kreatin und koffeinhaltige Energydrinks bergen Risiken wie Muskelkrämpfe oder Herzrasen. Thomas Rosemann vom Unispital Zürich kritisiert, dass viele Menschen Werbeversprechen im Internet unreflektiert glauben und das Gefühl für ein «normales» Mass an Leistungsfähigkeit verloren hätten.
Ein weiteres Problem ist die Dopinggefahr: Vor allem bei Bestellungen aus dubiosen Online-Quellen sind Präparaten häufig verbotene Substanzen wie Anabolika, Stimulanzien oder Appetitzügler beigemischt. In den USA müssen deswegen jährlich rund 23’000 Menschen notfallmässig behandelt werden, ein Drittel davon zwischen 20 und 34 Jahren. Felix Huber, Präsident des Ärztenetzwerks Medix Schweiz, hält fest, dass Supplemente selbst für Sportler nur in Ausnahmefällen medizinisch notwendig sind – etwa bei veganer Ernährung mit Eisen- oder B12-Mangel oder bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Ein Mangel müsse jedoch immer erst nachgewiesen werden; eine routinemässige Vitamin-D-Messung sei überflüssig, da sie an der Therapieempfehlung (Tageslicht, bestimmte Lebensmittel) nichts ändere.
«Food First» statt Pillen
Die internationale Leichtathletik-Vereinigung propagiert deshalb den «Food First»-Ansatz: Energie- und Nährstoffbedarf sollten primär über gewöhnliche Lebensmittel gedeckt werden, da diese zusätzlich die Darmflora fördern, entzündungshemmend wirken und die Stimmung heben. Der Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker betont, dass eine ausgewogene Mischkost den Mehrbedarf von Sportlern problemlos deckt – ohne nachgewiesenen Mangel produziere man mit Vitaminpillen nur «teuren Urin».
Joëlle Flück, Präsidentin der Swiss Sports Nutrition Society, sieht den unübersichtlichen Markt kritisch, da Konsumenten kaum beurteilen können, ob ein Produkt wirksam, sicher und frei von verbotenen Substanzen ist. Bei ausgewogener Ernährung brauche es im Alltag keine Supplemente – in spezifischen Ausdauersport-Situationen könne Sportnahrung aber sinnvoll sein, etwa kohlenhydratreiche Gels bei einem Marathon, wenn die körpereigenen Reserven erschöpft sind. Die Ärztin und Läuferin Antonia Becker bestätigt dies aus eigener Erfahrung: Bei Läufen über 1:45 Stunden greife sie zu Gels, da diese praktischer seien als Bananen und die Kohlenhydrate schneller in den Muskeln ankämen.
Welche Präparate wirklich belegt sind
Für eine informierte Entscheidung empfiehlt Flück eine Beratung durch Sportmediziner oder Ernährungswissenschaftler. Nur wenige Supplemente gelten als gut belegt wirksam: Koffein, Kreatin, Beta-Alanin, Natrium-Bikarbonat sowie situativ Vitamin D und Zink. Probiotika-Wirkung ist unklar, während Vitamin E und Beta-Glucane erwiesenermassen nutzlos sind. Zur Orientierung über «saubere» Produkte dienen die Kölner Liste sowie der Supplement-Guide der SSNS, der Präparate in vier Kategorien einteilt (A: gut belegt, B: unzureichend erforscht, C: unwirksam, D: verboten).
Ob weitere Präparate sinnvoll sind, hängt laut Flück von Sportart, Trainingslevel und Wettkampfambitionen ab: Kreatin nützt etwa bei kurzen, hochintensiven Belastungen wie Krafttraining oder Sprint, Natriumbikarbonat bei anaeroben Belastungen wie dem 400-Meter-Lauf, Koffein praktisch in allen Sportarten. Für Freizeitsportler bleiben zwei zentrale Fragen: Lässt sich der Nährstoffbedarf durch eine Ernährungsumstellung statt durch Präparate decken? Und benötigt man im Wettkampf tatsächlich spezifische Sportnahrung, oder reichen Banane und Wasser am Verpflegungsposten? Fazit: Wer nicht täglich hart trainiert, braucht im Alltag keine Supplemente – von deren Verkauf profitieren vor allem die Hersteller.
























