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«Self Supported Bicycle Races» sind in den letzten Jahren weltweit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Sie bieten Abenteuerfeeling und einmalige Landschaftserlebnisse, aber gleichzeitig eine pickelharte Herausforderung, bei der neben strammen Beinen auch Widerstandsfähigkeit, Selbstversorgung und das Aushalten der Einsamkeit gefragt sind.

So holprig die Wortschöpfung, so simpel sind die Regeln, nach denen «Self Supported Bicycle Races» funktionieren. Es sind Velorennen, die ohne fremde Hilfe oder Unterstützung von aussen absolviert werden. Und dies meist durch abgelegene und entsprechend spektakuläre Landschaften, über mehrere Tagesetappen und häufig enorm lange Distanzen. Dies alles nur mit minimaler Infrastruktur, die in Anspruch genommen werden kann. Die ganze Ausrüstung sowie Bekleidung und Verpflegung müssen für die mehrtägige Reise selbst mitgeführt werden, man übernachtet irgendwo im Niemandsland und je nach Destination und Teilnehmerzahl ist es gut möglich, dass man stunden- oder gar tagelang keiner Menschenseele begegnet.

Bei solchen Events sind die Protagonisten alles in Personalunion: Sportler, Mechanikerinnen, Sherpa, Köchin, Arzt, Masseurin, Mentaltrainer und Psychologin. Kein Wunder, dass Begriffe wie «Abenteuer» und «Freiheit» bei dieser Art Veranstaltung einen elementaren Stellenwert besitzen und die Events einen wohltuenden Kontrast bieten zu den durchorganisierten Massenevents, die sonst in der Sportwelt dominieren. Pionieranlässe dieser Wettkampfart haben in Insiderkreisen längst Kultstatus (wie etwa die Tour Divide in den USA und Kanada), und mittlerweile gibt es weltweit Hunderte «self supported» oder in Anlehnung an eine boomende Industrie auch «Bikepacking Races» genannte Velorennen auf der ganzen Welt.

Bikepacking-Industrie pusht

Der Ablauf ist in der Regel immer ähnlich: Es wird gemeinsam an einem festgelegten Termin gestartet, die Uhr läuft permanent und wird erst auf der Ziellinie gestoppt. Wer weniger schläft, kann länger fahren – und umgekehrt. Es gibt obligatorische Checkpunkte, die zwecks Registrierung angesteuert werden müssen und die Teilnehmer sind mit einem GPS-Tracker ausgerüstet, damit man die Route nachverfolgen kann und sie im Notfall gefunden werden. So kämpft man zwar alleine, ist aber im Geist und über Satellit irgendwie mit der Welt verbunden.

In manchen Rennen ist es erlaubt, Hotels oder sogar B&Bs in der Nähe der Strecke anzusteuern, sonst wird einfach am Wegesrand die Matte ausgelegt oder das Zelt aufgeschlagen. Und manchmal gibt es unterwegs auch vereinzelte Check-Points mit Verpflegung und Unterstand zum Übernachten. Es gibt aber auch Rennen, die nur einen Start- und Zielpunkt besitzen und alles dazwischen – also auch die Navigation – den Teilnehmern überlassen. Für alle, die das Erlebnis (und die Herausforderungen) teilen möchten, stehen Events zur Auswahl, bei denen man im Team zu zweit starten kann.

Neu kommen (komfortablere) Tagesevents auf (Gravel-Rennen), bei denen nicht nur die physischen, sondern vor allem auch die mentalen Anforderungen etwas tiefer liegen als bei Mehrtagesevents, die mitzutragende Ausrüstung kleiner und leichter ist und die Suche nach einem geeigneten Nachtlager und damit notorischer Schlafmangel entfällt.

Immer mehr offroad

Self-Supported-Rennen kombinieren normalerweise «Offroad-Riding» mit normalem Strassenfahren, mittlerweile gibt es aber alle Varianten und man findet Events ausschliesslich auf Strassen (die folgerichtig mit Rennrädern gefahren werden), solche mit einem Mix aus Strassen und Feldwegen (prädestiniert für Gravel-Bikes), andere durch Wälder, über Berge, Wüsten und Steppen (Gravel- oder Mountainbikes) oder sogar eines über das ewige Eis der Arktis (dort mit einem Fat Bike als beste Wahl).

Self-Supported-Events sind definitiv nichts für Warmduscher, aber man muss auch kein ausgezehrter Veloprofi mit 20000 jährlichen Kilometern in den Waden sein, um bei solchen Rennen teilzunehmen. Entscheidend für den Erfolg sind nicht allein Kondition und physische Leistungsfähigkeit, sondern vor allem Strapazierfähigkeit, mentale Stärke und innere Gelassenheit, um allen Widrigkeiten trotzen zu können, die sich unweigerlich und mehrmals irgendwann in solchen Rennen auftürmen werden. Für alle, die sich nicht in einem Wettkampfformat messen wollen, sondern einfach eine Herausforderung suchen, stehen im Internet auch zahlreiche «self supported Routen» ohne Wettkampfcharakter bereit.

Auf den folgenden Seiten präsentieren wir zehn spektakuläre offroad Bikepacking-Rennen durch abgelegene Regionen in der ganzen Welt. Wichtig zu wissen: Für die meisten Anlässe gilt eine lange Anmeldefrist – mitunter bis zu zehn Monaten!

 

Selfsupported Gravel- and Bike-Rennen in aller Welt

Die Anzahl von Self Supported Velorennen ist weltweit in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen, es gibt sie mittlerweile in allen denkbaren Formen und Längen in den hintersten Zipfeln der Welt. Im Folgenden eine Auswahl von zehn spannenden Offroad-Events über Distanzen ab 500 Kilometer.

Highlandtrail550

Land: Schottland

Eckdaten: 850 km

Strecke: Start und Ziel im kleinen schottischen Dorf Tyndrum mit zwei grossen Schlaufen Richtung Norden.

Kurzbeschrieb: Beim Highlandtrail gibt es keine fixe Startzeit, keine Startgebühr, kein Preisgeld – und selbstverständlich auch keine Unterstützung. Die grossartigen (und ab und zu auch sumpfigen) Trails in wunderschöner Landschaft, die abgelegene Wildnis und das unbeständige schottische Wetter bieten Erlebnis und Herausforderung zugleich für alle Bikepacker, die auf eigene Faust den Osten Schottlands entdecken wollen. Es darf ausserhalb der Strecke in B&Bs übernachtet werden.

Infos: www.highlandtrail550.weebly.com

 

Hope1000

Land: Schweiz

Länge: 1000 km, 31000 Hm

Strecke: Quer durch die ganze Schweiz von Ost nach West bzw. vom Start in Romanshorn bis zum Ziel in Montreux.

Kurzbeschrieb: Der Schweizer Pionier und ein Must für Bikepacker-Fans mit einem Flair für die Bergstrecken. Wunderschöne, aber auch anspruchsvollen Routenwahl vom Säntisgebiet ins Luzernische und durchs Berner Oberland bis an den Genfersee. Die zahllosen Höhenmeter erfordern einen entsprechenden Untersatz – ohne Federung und hydraulische Scheibenbremsen wird die Rüttelstrecke zur Tortur. Die Sieger schaffen das Ganze in knapp vier Tagen, kurbeln also gegen 300 Kilometer und 8000 Höhenmeter täglich! Immer ausgebucht und beschränkte Startplätze, daher unbedingt frühzeitig anmelden.

Infos: www.hope1000.ch

 

Dead Ends & Cakes

Land: Schweiz

Länge: 500 km

Strecke: Start und Ziel in St. Gallen. Nur die fünf Checkpoints sind vorgegeben, sowohl Reihenfolge und Route, wie man die Checkpoints ansteuern will, sind frei wählbar.

Kurzbeschrieb: Nach der Premiere vor einem Jahr kam es beim Dead Ends & Cakes 2022 zu neuen Sackgassen und noch mehr Kuchen. Beim originellen, liebevoll organisierten und sehr familiären Event geht es tief hinein bis ans Ende von Tälern in der Ostschweiz oder auf die Spitze einer Alp. Dort gibt es nicht nur atemberaubende Landschaften, sondern beim Checkpoint auch Kuchen als Belohnung. Kein Buchen von Übernachtungen erlaubt, Unterstützung darf nur angenommen werden, wenn öffentlich zugänglich (Shops, Unterkünfte, Veloladen) oder von netten Leuten ungefragt angeboten. Aufgrund der grossen Nachfrage organisiert der umtriebige Organisator Dominik Bokstaller im nächsten Jahr im Tessin mit Dead Ends & Dolci einen zweiten Event im ähnlichen Format.

Infos: https://www.deadendsandcake.ch/en/

 

Trans Balkan Race

Land: Von Slowenien nach Montenegro

Eckdaten: 1300 km

Strecke: Von Sežana in Slowenien über Kroatien und Bosnien Herzegovina bis in die Bucht von Kotor in Montenegro.

Kurzbeschrieb: Die Organisatoren werben damit, dass die Strecke 100% fahrbar ist (mit einem komfortablen 29er-Hardtail mit dicken Reifen und leichter Mountainbike-Schaltung). Reizvoll ist der Miteinbezug von vier Ländern und damit von unterschiedlichsten Landschaften und Mentalitäten. Im Nationalpark Risnjak in Kroatien kommt man mit etwas Glück vielleicht sogar einen Luchs zu Gesicht (Ris bedeutet Luchs auf Kroatisch).

Infos: www.transbalkanrace.com

 

Tour Divide

Land: Kanada USA

Eckdaten: 4400 km

Strecke: Entlang der Rocky Mountains von Kanada bis zur mexikanischen Grenze.

Kurzbeschrieb: DAS Original und Klassiker des Genres. Wurde in dieser Form erstmals 2008 durchgeführt. Zuvor wurde das Rennen seit 2004 auf kürzerer Strecke absolviert. Gilt als die ultimative Herausforderung – nicht zuletzt wegen der notorisch neugierigen Braunbären. Die Sieger sind jeweils zwei Wochen oder länger unterwegs. Zur Qualifikation muss die Great Divide Route in Abschnitten bewältigt werden. «Mehr Hinterland» und «weg von der Zivilisation» geht kaum. Mittlerweile gibt es «Tour Divides» in verschiedenen Ländern (French Divide, Italy Divide, Portugal Divide, Florida Divide)

Infos: https://tourdivide.org/

 

Silk Road Mountain Race

Land: Kirgisistan

Eckdaten:

Strecke: Start in Talas im Nordwesten Kirgisistans, danach führt die Strecke Richtung Osten und in zwei grossen Schlaufen durch das Land.

Kurzbeschrieb: Auf alten Militärwegen aus der Sowjetzeit und auf längst vergessenen Nebenrouten der alten Seidenstrasse führt die Route durch fantastische und unberührte Landschaften. Gleichzeitig machen es schwierige Witterungsbedingungen, grosse Höhenunterschiede und der Umstand, dass die Fahrer praktisch über die gesamte Strecke auf sich allein angewiesen sind, zu einem der härtesten Bikepacking-Rennen weltweit.

Infos: www.silkroadmountainrace.cc

 

Further

Land: Frankreich

Eckdaten:

Strecke: Französische Pyrenäen

Kurzbeschrieb: Das Further ist ein ganz spezieller Event mit nur sehr wenigen Teilnehmern, aber äusserst beschwerlichen Strecken, bei denen auch regelmässig das Motto Hike & Walk angesagt ist. Der Start erfolgt mitten in der Nacht bei den abgelegensten Orten (z. B. bei Berghütten). Neben einem Austragungsort in den Pyrenäen wird auch ein gleichnamiger Event in Ostengland angeboten (September).

Infos: https://frthr.co/

 

Bohemian Border Bash

Land: Südafrika

Länge: 1300 km

Strecke: Der Bohemian Border Bash führt an der Grenze der böhmischen (Tschechien) und sächsischen (Deutschland) Schweiz entlang.

Kurzbeschrieb: Das Bohemian Border Bash ist kein Rennen, sondern ein Happening von Bikepacking-Fans aus der ganzen Welt und Teil der Jeroboam World Wide Series mit Austragungen in Italien, Costa Rica und Malaysia.

Infos: https://www.bohemianborderbash.com/

 

Atlas Mountain Race:

Land: Marokko

Länge: 1150 km

Strecke: Start in Marrakesch, Durchquerung des Atlas-Gebirges und auf vielen Schotterpisten und Singletrails bis ins Ziel nach Agadir.

Kurzbeschrieb: Grosse Temperaturunterschiede sorgen neben den fordernden Untergründen für eine zusätzliche Herausforderung. Viele Teilstücke führen über alte Kolonialpisten, die längst vergessen und verfallen sind.

Infos: www.atlasmountainrace.cc

 

Rhino Run

Land: Südafrika

Eckdaten: 750 km

Strecke: Start in Plettenberg Bay, Ziel in Stellenbosch.

Kurzbeschrieb: Der Rhino Run ist nicht nur ein abenteuerliches Selbstversorger Rennen durch die wunderschöne Westkap-Region Südafrikas, sondern auch eine Fahrt für einen guten Zweck, wird doch mit dem Event Geld gesammelt für die Masaka Cycling Club Foundation in Uganda, die das gleichnamige Amateur-Radsportteam unterstützt.

Infos: https://rhinoruncc.org/

 

 

Web-Tipp: 

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