Bildquelle: © Andreas Gonseth

Moderne Gravel-Bikes sind geniale Universalvelos und (fast) überall einsetzbar.

Der erste Eindruck überrascht. Die 42 mm dicken, prall gepumpten Reifen kleben förmlich auf dem Asphalt und lassen mich euphorisch in die Kurven stechen. Der Grip ist fantastisch. Der breite und leicht einwärts gedrehte Lenker vermittelt Sicherheit und Stabilität, Schultern und Arme verschmelzen zu einer ergonomisch kompakten Einheit. Die Bremsen packen kompromisslos zu, wie man sich das von modernen Scheibenbremsen gewohnt ist und ein Fingerzucken genügt, damit die Kette elektronisch gesteuert in den gewünschten Gang springt.

Als die Fahrt in der nächsten Kurve auf einem hügeligen Feldweg weitergeht und schliesslich mit einem flowigen Singletrail durch den Wald sein vorläufiges Ende findet, kann das Gefährt noch weit mehr. Es fährt sich komfortabel und doch enorm sportlich, direkt und ohne Energieverlust, klettert flink, fliegt wie ein Pfeil über kleinere Unebenheiten und lässt dank seiner Agilität auch im Wald Tempofeeling aufkommen. Was gibt es Schöneres, als durch einen goldigen Herbstwald mit frisch gefallenen Blättern zu cruisen?

Kurzer Halt: Wow! Und die Frage kommt auf: Wieso genau bin ich die letzten 40 Jahre auf dünnsten Rennveloreifen und in tiefer Lenkerposition über die Strassen gebraust, im Wald auf Mountainbikes und in den Veloferien auf ein Tourenvelo umgestiegen? Ist das Gravelbike die Lösung, die – zum Leidwesen meiner Frau – (zu) umfangreiche Velogarage um ein paar Modelle zu erleichtern?

Nun, die letzte Frage ist emotional noch nicht geklärt, denn in der Garage stecken nicht nur viele Velos, sondern auch viele Erinnerungen. Rational ist die Antwort aber klar: Ja, ein modernes Gravelbike ist wahrhaftig ein Allroadbike und hat einen derart grossen Einsatzbereich ohne Einschränkungen, dass es eine Freude ist und vieles überflüssig macht. Doch der Reihe nach.

Rennvelos in der Sackgasse

Das Gerücht hielt sich jahrelang hartnäckig: Je schmaler ein Reifen, desto schneller! Das führte dazu, dass die Reifen der Rennvelos immer dünner wurden und wir zeitweise mit 19-mm-Finklein durch die Gegend flitzten. Und um sie noch schneller zu machen, pumpten wir sie auf pickelharte 8–9 bar auf.

Neuste Erkenntnisse zeigen: Ganz schmale Reifen sind nur unter speziellen Bedingungen etwas schneller, zum Beispiel auf einer topfebenen Bahn, aber nicht in der Realität eines Rennvelofahrers. Denn was früher immer vergessen ging. Nicht der Rollwiderstand alleine ist verantwortlich dafür, ob ein Reifen schnell ist. Auch Vibrationen kosten Energie, und von denen hat es auch auf Teerstrassen eine ganze Menge. Selbst die Profis bei der Tour de France verwenden mittlerweile Reifen, die breiter sind (25 mm – 28 mm) als früher die Reifen von Tourenfahrrädern. Tests haben gezeigt: 25 mm breite Reifen rollen schneller als ganz dünne Finken.

Eine weitere Erkenntnis: Ein hoher Reifendruck macht das Rad nicht schneller. Mit harten Reifen wirkt sich jede Unebenheit als Vibrationsverlust doppelt aus, denn ein hoher Reifendruck lässt das Rad schneller vibrieren. Das vermittelt zwar subjektiv das Gefühl, man sei schneller, aber das stimmt nicht, man vibriert bloss mehr. Auf rauen Strassen – so wie in der Realität am häufigsten – überwiegen die Vibrationsverluste.

Dass breiter und weicher schneller sein kann, haben auch die Mountainbiker gemerkt. Heute fahren die Profis weit breitere Pneus als früher und gleichzeitig ist der Luftdruck deutlich niedriger. Der Grund: Weiche und breite Pneus schlucken kleinere Hindernisse ohne Vertikalbewegung, harte Reifen hingegen werden bei jeder Unebenheit samt dem Velo in die Höhe gehievt.

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Sitzposition entscheidet

Bleibt als nächster entscheidender Faktor für mehr Tempo auf dem Velo der Luftwiderstand. Und tatsächlich ist dieser auf einem reinrassigen Rennrad oder auf einer Triathlon-Zeitmaschine geringer als auf gewohnten Tourenrädern. Der Luftwiderstand ist dabei aber nicht in erster Linie vom Velo abhängig, sondern von der Sitzposition. Die spezielle Rennlenkerform moderner Gravelbikes lässt neben komfortablen Tourenpositionen und sportlichen Offroad-Einsätzen eine ebenso windschnittige Körperhaltung zu wie auf einem sportlichen Rennrad, wodurch auch ein zweiter, vermeintlich riesiger Vorteil von Rennvelos wenig stichhaltig ist.

Bleibt noch das Gewicht. Kann ein Gravel-Bike so leicht gebaut sein wie ein ultraschlankes Rennvelo? Jein, lautet die Antwort. Breitere Reifen sind in der Tat etwas schwerer und verlangen nach einer voluminöseren Rahmenbauweise. Der Gewichtszuschlag insgesamt ist allerdings minimal und ein modernes Karbon-Gravelbike schafft es problemlos auf ein Gewicht unter neun Kilo. Vor allem dann, wenn es spartanisch mit einer Einfachübersetzung ausgerüstet ist und weder einen vorderen Umwerfer noch die damit zusammenhängende Kabelführung samt Schalter benötigt.

Ideal für 80 % Einsatzgebiet

Also eines für alles? Ja, zumindest fast. Moderne Allroadbikes oder Gravel-Bikes, wie sie aktuell vorwiegend auf dem Markt bezeichnet werden, verbinden den Speed von Rennmaschinen mit dem Komfort von Tourenvelos und der Off-Road-Mobilität leichter Mountainbikes.

Klar: Triathleten werden auch künftig nicht auf spezielle Rennmaschinen verzichten, fahren mittlerweile aber auch mit breiteren Pneus als früher. Sonst aber würden wohl die meisten Hobbyrennvelofahrer bei einer Gravel-Testfahrt zu ihrem persönlichen Aha-Erlebnis kommen.

Mit einer Ausnahme: Wer es liebt, auf der Strasse leichte Abwärtsstrecken mit dicken Gängen und Tempo 60 runterzudrücken, wird bei einer Einfachübersetzung den ganzgrossen Gang vermissen, ebenso wie Hobby-rennfahrer, die viel in der Gruppe fahren und dafür grosse Gänge benötigen.

Und offroad? Auch da deckt ein Gravelbike 80 % des gewohnten Einsatzgebiets ab, welches «normale» Mountainbiker im Alltag fahren. Erst wenn es wirklich grob wird oder ins hochalpine Gelände geht, sollte man sein ungefedertes Gravel für mehr (Downhill)Fahrgenuss gegen ein vollgefedertes Mountainbike eintauschen.

Fazit: Stellen Sie sich in Gedanken ein 100%-Raster von Velo-Einsatzgebieten vor. Die 10 % ganz links stehen für die Zeitfahrmaschine für Rennfahrer und den kompromisslosen Kampf um Sekunden, windschnittig und ultraleicht. Die 10% ganz rechts symbolisieren das Fully-Mountainbike mit viel Federweg für den Spass über Stufen und in den Bergen. Dazwischen kommt zuerst Gravel, dann Gravel, Gravel – und noch einmal Gravel. Macht noch zwei oder drei Velos, die man zwingend haben muss. Aber sagen Sie das bitte nicht meiner Frau!

Buchtipp: Ein Rad für alles – die Allroad-Bike-Revolution; Jan Heine; Covadonga Verlag; ISBN 978-3-95726-055-0

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