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Strava hat sich als weltweit grösste Sportlergemeinschaft etabliert und vermag auch immer mehr Schweizer anzuziehen. Woraus besteht die Faszination?

Wer heutzutage Gesellschaft sucht, muss sich nicht mehr «unter die Leute mischen» oder «raus in den menschlichen Dschungel» begeben, nein, ein Klick zum Hochfahren des Computers oder Smartphones genügt, und schon ist man mittendrin im Geschehen – respektive Leben!

Diese Erkenntnis ist auch für Sportler nicht mehr neu, denn längst hängen Läufer, Radfahrerinnen, Schwimmer, Triathletinnen und Langläufer – um nur die wichtigsten Ausdauersportkategorien zu nennen – am virtuellen «Tropf», getreu dem modernen Sportszeitgeist: «Tue etwas für Dich und Deinen Körper, aber tue es vor allem kund!»

Entsprechend sind Internetseiten und virtuelle Communitys, bei denen Sportler ihre Trainings- und Wettkampfleistungen in «Echtzeit» oder zumindest zeitnah registrieren, sammeln, verwalten und eben auch vergleichen können, marketingstrategisch und bezüglich Unterhaltungswert «echte Renner». Als weltweit grösste Sportler-Gemeinschaft hat sich unter den zahlreichen spezifischen Angeboten in den letzten Jahren vor allem eine Website profiliert: Strava.

Alleine und doch verbunden

Das kalifornische Unternehmen mit Hauptsitz in San Francisco hat es seit seiner Gründung 2009 geschafft, aus einem technisch betrachtet eher einfachen Prinzip mit internetbasiertem Tracking sportlicher Aktivitäten ein soziales Netzwerk aufzubauen, das sich mittlerweile als grösste jemals durchgeführte Datensammlung im Sport bezeichnen kann. Die Welt sportlicher Leistungen im Freizeit- und Profi-Bereich ist dank der Strava-Community übersichtlicher und transparenter geworden.

Dabei bietet Strava – ähnlich wie andere führende Communities wie Facebook oder Instagram – zunächst wenig Besonderes und durchaus Austauschbares. Strava-Mitglieder können zurückgelegte Strecken ihres bevorzugten Ausdauersports oder Standort-gebundene, sportliche Leistungen wie etwa Radkilometer auf der Rolle oder Laufen auf dem Band über eine mobile Applikation und/oder einen kompatiblen GPS-Empfänger aufzeichnen. Dabei werden Informationen zu Dauer, Geschwindigkeit, Krafteinsatz, Steigung der Strecke, Kalorienverbrauch und viele weitere Daten mehr oder weniger genau gesammelt und dem Nutzer respektive dem ausführenden Sportler zur Verfügung gestellt. Ein Service, den es auch bei vielen anderen Websites, Applikationen oder Communitys gibt.

Der Erfolg von Strava basiert auf etwas anderem: Wenn der jeweilige Sportler es möchte – und hiermit sei schon mal vorweggegriffen: fast alle wollen das! – werden seine Leistungswerte oder auch Bilder anderen Sportlern zur Verfügung gestellt. Damit die wiederum über den Fitnessfaktor des Kollegen informiert sind und wissen, was er alles Schönes gemacht hat, während sie im Büro am Arbeiten sind. Mit Strava sind Leistungsvergleiche auf zahllosen Strecken möglich. Und Hobbysportler können auch über die Leistungen der Profis staunen, die sich ebenfalls sehr gerne und zahlreich präsentieren.

Vor allem dieser Austausch mit anderen machen den Charme und den Erfolg von Strava aus. So hechelt man auf dem Rennrad nicht nur den Stelvio und den Gotthard hinauf oder sprintet zu Fuss auf den Uetliberg oder Grossen Mythen, sondern kämpft virtuell auch noch gegen Tausende andere Gümmeler und Läufer, die dasselbe auch schon gemacht haben oder machen werden. Was übrigens nicht nur motivierend, sondern mitunter auch frustrierend sein kann, wenn man sich im Vergleich mit virtuellen Leidensgenossen im eher suboptimalen Leistungsbereich wiederfindet.

Viele wollen aber ihren Kolleginnen und Kollegen auch einfach nur zeigen, welche Strecken sie wo genau absolviert haben. So sind ganze WhatsApp-Seniorengruppen, die ihre Wanderausflüge teilen oder Velogruppen, die gemeinsame Touren planen, ebenfalls zunehmend auf Strava zu finden. Wie bei vielen Apps gängig existiert Strava in einer kostenlosen Basisversion und einer Bezahlversion mit zusätzlichen Extras.

Grenzenlose Möglichkeiten

Ähnlich wie bei anderen grossen sozialen Portalen resultiert der Erfolg bei Strava fast ausschliesslich aus dem sozialen Miteinander und somit aus dem potenziellen sportlichen Gegeneinander. Es werden virtuelle Clubs gegründet, es gibt Bestenlisten für häufig geleistete Herausforderungen, man kann die Trainingseinheiten von Sportgrössen nachverfolgen oder sich – ganz persönlich und analog – blitzschnell und unkompliziert mit Joggingpartnern aus der virtuellen Welt treffen, weil die zufällig im gleichen Stadtviertel oder sogar in der gleichen Strasse leben, ohne dass man voneinander ahnte.

Die Liste der Möglichkeiten ist im Laufe der letzten Jahre lang geworden: Es wurden neue Leistungsvergleichskategorien geschaffen wie etwa das Everesting mit dem Rennrad, bei dem man in einem Workout einen beliebigen Anstieg so oft hochfährt, bis man die Höhe des Mount Everest erreicht hat: 8848,86 Höhenmeter! Aber auch der halbstündige Spaziergang in der Mittagspause wird dokumentiert und selbstverständlich der Community mitgeteilt. Das Ganze garniert mit netten Fotos um zu beweisen, wo man gerade spaziert, radelt, rennt, schwimmt oder rudert – fertig ist die perfekte Plattform für eine mobile und aktive Community, die zunehmend Clubs und Vereine ersetzt.

Über 72 Millionen User!

Voraussetzung für den Erfolg eines solchen Angebots ist die schiere Menge, und davon kann Strava mittlerweile Höchstwerte bieten – vor allem seit 2020, dem erfolgreichsten Jahr in der Geschichte dieser sozial-sportlichen Plattform.

Die Strava-Gemeinde hat sich im Pandemie-Jahr 2020 noch einmal deutlich vergrössert. Das liegt daran, dass tatsächlich mehr Menschen Lockdown-bedingt sportlich aktiv waren bzw. immer noch sind. Andererseits wächst aber bei vielen Menschen ganz offensichtlich auch das Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten zu messen, ohne dafür an einem Wettkampf-Event teilnehmen zu müssen.

Über 72 Millionen Menschen auf der ganzen Welt registrierten 2020 unter dem Motto «Wenn Du schwitzt, bist Du ein Sportler» auf Strava ihre mehr oder weniger sportlichen Aktivitäten. Die Aktivitätsraten stiegen auf 30 Millionen wöchentliche Uploads – ein Rekordwert. In den 12 Monaten von März 2020 bis März 2021 wurden mehr als 1,1 Milliarden Aktivitäten und 400 Millionen Fotografien von allen nur möglichen Orten unseres Planeten auf Strava hochgeladen (+ 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr). Die Community wuchs jeden Monat um zwei Millionen Sportler.

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Mangels echter, gelebter Wettkämpfe bei realen Sportevents gab es zudem einen deutlichen Anstieg wettkampfähnlicher Leistungen, die im virtuellen Raum miteinander verglichen wurden.

Bleiben wir noch ein wenig beim Radfahren – gemeinsam mit Laufen, Jogging und Wandern/Gehen die am meisten geposteten sportlichen Aktivitäten bei Strava. Mehr als 13 Milliarden Kilometer wurden im Jahr 2020 von der radelnden Strava-Community gefahren. Dabei wurden 122 Milliarden Höhenmeter absolviert. Jede Ausfahrt war im Durchschnitt 25,4 km lang, wobei die Männer leicht überdurchschnittlich mit 26,4 km punkteten, während die Frauen auf 19,8 km pro Ausfahrt kamen. Die durchschnittliche Ausfahrtszeit betrug 1:15 h.

Laufsport holt auf

Auch bei den dokumentierten Marathonläufen gab es eine deutliche Steigerung auf Strava. Wenn der City-Marathon der Wahl Pandemie-bedingt nicht stattfindet, laufen engagierte Sportler eben alleine oder in kleinen Gruppen, um sich hinterher im World Wide Web mit anderen zu vergleichen.

Drei Milliarden Laufkilometer registrierten die Strava-Sportler und erreichten dabei 28,8 Milliarden Höhenmeter. 6,3 km betrug die durchschnittliche Länge des Joggings, wofür durchschnittlich 38:48 Minuten gebraucht wurden. 2020 wurden drei Mal so viele Marathons auf Strava registriert wie 2019. Im Spitzenmonat (April 2020) wurden 76 % der Marathons allein gelaufen, eine 10-fache Steigerung gegenüber April 2019. Von den Läufern, die seit mindestens 2019 auf Strava aktiv sind, liefen 55 % im Jahr 2020 eine neue persönliche Bestzeit auf ihrer 5 km-, 10 km-, Halbmarathon- oder Marathondistanz.

Speziell für die deutschsprachigen Länder Deutschland, Österreich und Schweiz (DACH) hat Strava die Laufaktivitäten im Zeitraum Februar 2020 bis April 2021 untersucht. Hierbei schiesst Deutschland – wo Bewegung in der frischen Luft auch im Lockdown ausdrücklich gewünscht wurde – den sprichwörtlichen Vogel ab. Ein Plus von 104 Prozent zusätzlicher Laufaktivitäten spricht Bände. In der Schweiz waren es 73 Prozent mehr, in Österreich immerhin noch 67 Prozent.

Politisch korrekt

Daten, Daten und nochmals Daten. In unserer heutigen Zeit sind sie mit Gold aufzuwiegen. Was Begehrlichkeiten weckt und für Misstrauen sorgen kann. So gibt Strava etwa Zahlen an Verkehrsplaner auf der ganzen Welt weiter, die wiederum anhand von Heatmaps die Dichte bestimmter Lauf- und Radfahrrouten erkennen und entsprechend reagieren können. Ausserdem ist Strava offenbar um sozial und politisch korrektes Auftreten bemüht. Dies zeigt sich u.a. in der Person von Diahann Billings-Burford, die kürzlich in den Vorstand berufen wurde. Billings-Burford ist zudem CEO von RISE, einer gemeinnützigen Organisation in den USA, die soziale und ethische Aufklärungsarbeit in der Sport-Community leistet. RISE setzt sich für die Beseitigung von Rassendiskriminierung, für soziale Gerechtigkeit und für die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Rassen ein.

Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und andere ethische Probleme sind allerdings kaum die Hauptsorgen bei Strava. Vielmehr befinden sich die Datensammler in Sachen Datenschutz mitunter «auf Glatteis». So kam Strava in die Schlagzeilen, als die US-Streitkräfte 2018 bemerkten, dass die Trainingsläufe von Soldaten und Soldatinnen in Syrien und dem Irak auf Heatmaps auftauchten. Die Streitkräfte befürchteten, dass man anhand dieser Daten Rückschlüsse auf Standort und Grundrisse von Militärbasen in dünn besiedelten Gebieten schliessen könne. Was letztendlich natürlich nicht Stravas Problem sein kann, wenn joggende Soldaten ihre Daten gedankenlos der Community und somit der ganzen Welt zur Verfügung stellen.

Gefragte Privatsphäre?

Vor einem ungleich grösseren Problem standen die Strava-Macher jedoch, als sie eine Flyby-Funktion installierten. Flyby bedeutet u.a. «im Vorübergehen», auch wenn es um zwischenmenschliche Kontakte geht. Und so sollte die Funktion auch agieren: Wenn ein Lauf hochgeladen wurde, konnte man sogleich sehen, wer in der Umgebung unterwegs war, wo und wann er oder sie gestartet waren und durch welch dunklen Wald, in welch dunklen Strassen die Personen unterwegs waren.

Man könne so neue Laufpartner und -partnerinnen finden, argumentierte Strava damals und setzte die Funktion so ein, dass man sie deaktivieren musste, falls man doch lieber ungesehen und unbemerkt seine Laufrunden drehen wollte. Ob Strava nur an das Gute im Menschen gedacht hat? Jedenfalls gab es einige saftige Proteste, zumal abschreckende Beispiele auftauchten, wo bei Strava-Nutzern während ihrer sportlichen Aktivitäten die Wohnungen leergeräumt wurden…

Strava hält die Funktion jedenfalls jetzt standardmässig deaktiviert. Was bedeutet: Man muss Flyby gezielt aktivieren, wenn man von anderen beim Laufen virtuell verfolgt werden will. Was jedoch nur die Allerwenigsten machen, wodurch die Funktion kaum noch Sinn macht und die Privatsphäre einen Sieg davongetragen hat. Das Beispiel zeigt, warum Datenschützer darauf pochen, Opt-in zum Standard zu machen. Obwohl sich unter dem Strich die Frage stellt, wie viele Strava-Nutzer überhaupt ihre Privatsphäre behalten wollen. Und überhaupt: Sind wir nicht alle eine riesengrosse Sport-Community, die sich untereinander nahezu blind vertraut?

Rekorde mit Prestigewert

Weil bei virtuellen Vergleichen vordere Ränge und Bestzeiten gleichzeitig auch Aner­kennung und Prestige bedeuten, unternehmen ambitionierte Sportlerinnen und Sportler grosse und manchmal kuriose Anstrengungen, um ganz vorne mit dabei zu sein. Im Fokus stehen dabei vor allem begehrte und vielbefahrene Strecken bzw. Segmente, wie sie auf Strava heissen. Dort tummeln sich bekannte Namen der Lauf- und Veloszene, und dies meist mehrfach auf verschiedensten Segmenten. Beim «Sattelegg-Climb» beispielsweise tauchen die beiden Biker Florian Vogel und Nino Schurter sowie Strassenprofi Patrick Schelling ganz vorne auf. Sie alle machten Jagd auf den KOM, bei Strava die Abkürzung für «King of the Mountain», mit dem der oder die Schnellste ausgezeichnet wird.

Ebenfalls begehrt: «Die Rille», wie die Fahrt rund um den Zürichsee bezeichnet wird. Die Bestzeit für die 67-km-Schlaufe beträgt 1:17 Stunden, was einem Durchschnitt von 51 km/h entspricht! Vier Amateure schlossen sich zu einem Strassenvierer mit 30-Sekunden-Ablösungen zusammen, und dies an einem Sonntagmorgen um fünf Uhr in der Früh. So konnten sie ohne Zeitverlust durch Rapperswil bolzen. Mit ihrem KOM führen die vier nun auf Strava die Rangliste geschlossen an.

Um die letzten Sekunden auszuschöpfen, werden Bestzeitenangriffe manchmal auch in Steher-Manier geplant mit vorausfahrenden und Windschatten spendenden E-Bikes. Und natürlich gibt es auch die Spass­vögel, die ihre Bestzeit gleich direkt mit einem E-Bike oder Motorrad aufstellen (oder beim Laufsegment mit dem Fahrrad). Was schlussendlich kaum zu beweisen ist, denn Strava sammelt zwar endlos Daten, kann aber zum Glück (noch) nichts sehen .

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