Bildquelle: ©Adidas Terrex

1994 nahm sie als Langläuferin an den Olympischen Spielen in Lillehammer teil, 27 Jahre später gewinnt sie als 48-Jährige zum achten Mal den Swissalpine Marathon. Und dies, obwohl sie vor elf Jahren eine MS-Diagnose einstecken musste, die ihren Bewegungshunger immer mal wieder massiv abbremst. Ein Gespräch mit Jasmin Nunige über Ambitionen, Träume, Resilienz, die aktuelle «Transformation» zur Hobbysportlerin und ihre Botschafterrolle beim neuen Davoser Laufevent X-Trails.

Jasmin Nunige, Sie können kaum einen Tag ohne Sport aushalten – waren Sie heute (anfangs April; Anm. d. Redaktion) schon unterwegs?

(Lacht) Ja, ich bin am Morgen früh mit den Tourenski aufs Jakobshorn hochgelaufen und dann die leere Piste runtergefahren, bevor die erste Bahn gekommen ist.

Ist Tourenskifahren ein Hobby von Ihnen?

So richtige Touren mit Tiefschneefahren und Gefahren einschätzen mache ich alleine nicht, aber mit einer leichten Ausrüstung in einem Skigebiet hochlaufen und danach wenn möglich auf der Piste runterfahren, das mache ich extrem gerne. Das ist ein super Training und hier in Davos von der Haustüre aus mit wenig Aufwand umzusetzen.

Sie waren in Ihrem ersten Sportleben Langläuferin und nahmen an Olympischen Spielen teil, einige Jahre später wechselten Sie zum Laufsport, gewannen 2005, 2008 und 2010 über die Langdistanz K78 den Swissalpine Marathon, und ein Jahr später, 2011, erhielten Sie nach längeren Empfindungsstörungen in den Beinen eine MS-Diagnose. Wie geht es Ihnen gesundheitlich heute?

Die MS ist immer mal wieder präsent und gehört zu mir, aber es geht mir sehr gut.

Welche drei Punkte sehen Sie heute anders als unmittelbar vor der Diagnose?

Dass eine gute Gesundheit alles andere als selbstverständlich ist und ich jedes Mal dankbar bin, wenn ich einfach so die Laufschuhe schnüren und loslaufen kann. Zweitens: Es gibt kein Zurück im Leben, man soll daher nicht zu viel zurückschauen – und auch nicht stehenbleiben, sondern immer versuchen, vorwärts zu gehen. Und drittens: Man soll auch dann Träume haben, wenn sie kleiner werden und es schwierig wird. Auch wenn sie velleicht nicht immer realisiert werden können – bereits der Versuch lohnt sich.

Wie hat sich Ihre Körperwahrnehmung verändert seit Ausbruch der Krankheit?

Nach dem ersten grossen Schub dachte ich, ich wüsste nun, wie es gehe. Doch nach dem zweiten Schub 2014, kurz vor der Marathon-Team-EM in Zürich, habe ich realisiert, dass ich überhaupt noch nichts wusste, wieder alles von vorne begann und mir einzig die Erfahrung half, alles schon mal erlebt zu haben.

Blieben dies die beiden einzigen Schübe?

Nein, es gab auch danach immer mal wieder einzelne schlechte Phasen.

Wie äussert sich ein Schub konkret?

Zuerst sind immer die Beine betroffen. Es beginnt mit Sensibilitätsstörungen, mit denen ich aber umgehen kann. Zeitweise kommen starke Nervenschmerzen dazu, die schlagen dann irgendwann auf die Psyche und sorgen auch immer mal wieder für Tränen. Und manchmal überfällt mich eine totale Müdigkeit und Abgeschlagenheit, das so genannte FATIGUE-Syndrom.

Was bedeutet das für Ihren Bewegungsalltag?

Es ist nicht immer einfach, die einzelnen Sachen auseinanderzuhalten, schlussendlich werde ich ja auch älter und mag nicht mehr jede Belastung gleich gut wegstecken. Während eines Schubs kann ich mich zwar bewegen, aber ich weiss mittlerweile, dass ich den Körper dann nicht fordern darf. Er sagt dann zu mir: Jasmin, jetzt will ich nicht mehr arbeiten! Dann weiss ich, dass er alle Ressourcen zur Bewältigung des Schubs braucht. Die Herausforderung für mich ist es dann zu spüren, wie viel Ruhe es braucht und wie viel Anstrengung zu viel ist. 2016 zum Beispiel war einerseits eine unglaublich erfolgreiche Saison, und gleichzeitig erlebte ich in diesem Jahr viele schwere Momente.

Wie lange kann ein Schub dauern?

Mehrere Wochen bis Monate, aber ich protokolliere die Zeit nicht, sondern nehme es Tag für Tag und halte mich an der Zuversicht, dass es irgendwann wieder vorbei geht, weil es bis jetzt immer wieder vorbeigegangen ist. Obwohl in Zukunft vielleicht nach einem Schub auch Restbeschwerden bestehenbleiben können.

Gehen die Beschwerden kontinuierlich langsam zurück oder so plötzlich, wie sie auftreten?

Eine Besserung kann ganz kurzfristig erfolgen, so als würde der Körper einen Rucksack ablegen.

Ein halbes Jahr nach der Diagnose haben Sie gesagt: «Ich bin immer noch ein Glückskind.» Ist das bis heute so oder hat sich diese Wahrnehmung in den elf Jahren dazwischen verändert?

Das ist immer noch so. Ich habe eine gesunde Familie, ein gutes Umfeld, wir leben in einem schönen Zuhause, ich kann mich meist draussen in der Natur bewegen, und wenn es ein Problem gäbe und man in der Schweiz zum Telefon greift, wird man in kürzester Zeit medizinisch bestens versorgt. Gerade die jüngsten Ereignisse in der Welt haben mir gezeigt, wie dankbar ich für diese Privilegien bin, ich habe wirklich nichts zu klagen.

Müssen Sie Medikamente nehmen oder regelmässige Vorsorgeuntersuchungen machen?

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Nein, in Absprache mit meinem Arzt nehme ich weder Medikamente noch mache ich sonst etwas prophylaktisch. Wenn ein Schub kommt, wird ein MRI gemacht, und bis jetzt hat das jedes Mal meine Wahrnehmung bestätigt. Mittlerweile habe ich ein gutes Gespür dafür. Was ich umgestellt habe, ist die Ernährung. Dazu supplementiere ich mit Vitaminen und Omega 3-Fettsäuren.

Sie sind nun 49-jährig und haben letztes Jahr noch einmal den Swissalpine Marathon gewonnen – notabene vor einer über 20 Jahre jüngeren Konkurrentin. Müssten Sie das Wettkampf-Gen nicht irgendwann zur Seite legen? Oder brauchen Sie es vielleicht, um so positiv nach vorne zu blicken?

Eine knifflige Frage. Die Lust auf den Wettkampf ist tatsächlich tief in mir verwurzelt, das war schon immer so. Ich stehe aber längst nicht mehr am Start mit dem Ziel zu gewinnen, sondern es geht mir darum, auf ein Ziel hin topfit zu sein und das Maximum herauszuholen. Gleichzeitig spüre ich immer häufiger, dass mein Körper nach Pausen verlangt, hier und da kleinere Verletzungen auftreten und ich mehr Erholung benötige. Da stecke ich aktuell sicher in einem Wandlungsprozess drin hin zur Hobbysportlerin. Das ist eine Auseinandersetzung mit mir selber, die noch nicht abgeschlossen ist, denn gleichzeitig habe ich Lust auf viel und auch auf strenge Trainings und klare Zielsetzungen bei den einzelnen Einheiten, das entspricht einfach meinem Charakter. Aber ich weiss, dass ruhigere Zeiten kommen werden und ich mich daran gewöhnen muss. Ich arbeite dran (lacht).

Wie sieht denn ein normaler Sporttag von Jasmin Nunige aus?

Ich bin möglichst vielseitig unterwegs, am liebsten natürlich rennend, aber durchaus auch mal zu Fuss mit Stöcken im Skigang oder auf den Tourenski den Berg hoch. Dazu im Winter Langlauf beide Stilarten und auch regelmässig auf dem Mountaibike oder neu Gravel-Bike. Und Zuhause mache ich das ganze Jahr durch Kraft- und Stabilitätsübungen mit dem eigenen Körpergewicht, aber auch Gleichgewichts- und Koordinationstraining auf der Slackline oder auf instabiler Unterlage.

Haben Sie in dieser Saison konkrete Wettkampfpläne?

Die zwei Hauptziele sind der Zugspitz Ultratrail über 68 Kilometer im Juli und dann im August der Chamonix OCC über 55 Kilometer. Und dazwischen als OK-Mitglied sicher auch eine Strecke der neuen X-Trails in Davos, da aber ohne Ambitionen inmitten der Hobbysportler.

Was ist bei den Davos X-Trails ihre Aufgabe als OK-Mitglied?

Ich bringe mit meiner langjährigen Erfahrung die Athletenbedürfnisse ein und versuche natürlich durch mein Netzwerk auch Athletinnen und Athleten zu verpflichten.

Sie sind aber nicht nur OK-Mitglied bei den X-Trails, sondern auch deren Botschafterin. Der neue Trailrunning-Event tritt in Davos die Nachfolge des langjährigen Swissalpine Marathon an. Schwingt da als achtfache Gewinnerin auch etwas Wehmut mit?

Der Swissalpine hat mich zum Trailrunning gebracht und natürlich ist es etwas schade, dass wir den Namen Swissalpine für den neuen Event nicht verwenden können. Aber Swissalpine-Gründer Andrea Tuffli wollte die Namensrechte nicht abgeben, weshalb das neue OK dem neuen Event auch einen neuen Namen geben musste. Einen neuen Brand zu etablieren, ist vor allem international sicher schwierig, aber gleichzeitig ist es auch eine Chance, neu beginnen zu können und ich denke, das ist nach den letzten doch sehr inkonstanten Jahren und steten Änderungen beim Swissalpine nötig und auch gut, der einstige Pionier hat an Identität eingebüsst.

Gibt es zu den X-Trails bereits Konkretes zu berichten?

Die Strecken werden wie letztes Jahr beibehalten, es gibt die Distanzen Bronze 10 km, Silver 23 km, Gold 43 km und Diamond 68 km. Es soll nicht der Ultra-Gedanke im Vordergrund stehen, dafür gibt es mittlerweile genügend andere Events, sondern es soll ein Trailrunning-Happening werden mit einem spannenden Rahmenprogramm und viel regionalem Charakter. Bereits in diesem Jahr gibt es für die Teilnehmer als Verpflegung lokales Birnenbrot, veganes Früchtebrot sowie regional produzierten Bergkäse. Auch kulturelle und typisch lokale Aspekte und Traditionen werden verstärkt in die X-Trails integriert.

Wie sehen Sie generell die Zukunft des Trailrunnings? In welche Richtung wird sich die Sportart entwickeln?

Ich denke, es geht immer mehr in Richtung Breitensport, denn das Extreme und die Entwicklung zum Wettkampfsport sind limitiert. Als Freizeitsport mit Erlebniswert ist hingegen noch viel Potenzial vorhanden, da werden sich verstärkt ähnliche Angebote und Austragungsformen wie im Mountainbikesport etablieren.

Was bedeutet Trailrunning für Sie persönlich?

Laufen ist derart simpel, es symbolisiert für mich absolute Freiheit, die Selbstfindung zu mir und meinem Körper, die perfekte Verbindung von Körper und Geist.

Laufen Sie meist alleine?

Ich laufe sehr viel alleine und geniesse das sehr, aber Zuhause mit meinem Mann oder in Trainingslagern mit dem Adidas-Terrex-Team schätze ich auch das Laufen mit Gesellschaft.

Sie haben sich jüngst als Mental-Coach ausbilden lassen. Weshalb?

Die Arbeit als medizinische Masseurin ist körperlich anspruchsvoll, irgendwann muss ich auch da zurückstecken. Zudem interessiert mich generell das Zusammenspiel von Körper und Geist, eine ausgewogene Lebens-Balance, daher kann ich mir gut vorstellen verstärkt im Gesundheits-Coaching oder auch in der Burnout-Prävention oder Nach-Burnout-Behandlung zu arbeiten.

 

Premiere der Davos X-Trails am Sa, 30. Juli 2022

Die X-Trails lösen in Davos den langjährigen Swissalpine Marathon ab, der nach Chur zügelt. Das neue Event-Format will den Trailrunning-Boom aufnehmen, dies aber klar als Breitensport-Event und nicht mit immer härteren Utra-Kategorien. Bei der Erstaustragung diesen Somme werden die bestehenden Strecken des früheren Swissalpine weitergeführt.

www.davos-xtrails.ch

 

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