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Nicolas Siegenthaler begleitet Nino Schurter seit 23 Jahren. Gemeinsam haben sie 35 Weltcupsiege, 10 Weltmeistertitel und drei Olympiamedaillen gewonnen. Der 65-jährige Erfolgs-Coach erklärt, wie er Nino Schurter auf seine fünfte Olympia-Teilnahme in Paris vorbereitet.

«Was Nino in seinem Alter leistet, ist einfach beeindruckend. Wenn er am 29. Juli um 14.10 Uhr am Olympia-Start steht, ist er mit 38 Jahren fast doppelt so alt wie einzelne Konkurrenten. Diese Konkurrenzfähigkeit beeindruckt mich, aber sie kommt nicht von ungefähr.

Nino hat immer noch enorm viel Freude an seinem Sport und trainiert mit einer sehr hohen Professionalität. Er hat sich in all den Jahren nie verausgabt und ist – im Gegensatz zu seinen grössten Konkurrenten Mathieu van der Poel und Thomas Pidcock – nie zusätzlich ambitioniert auf die Strasse oder Cyclocross gewechselt, um zusätzliche Siege einzufahren. Dank dieser «Unverbrauchtheit» ist er auch in seinem hohen Sportleralter noch frisch und leistungsfähig.

Ninos Leistungswerte sind derzeit auf einem sehr guten Niveau, auch wenn er etwas an Spritzigkeit verloren hat. Nach dem Cape Epic hatte er sogar bessere Werte als in den Vorjahren, obwohl er das Rennen dieses Jahr nur als Vorbereitung nutzte (Nino Schurter und Sebastian Fini Carstensen wurden Zweite, Anm. d. Red.).

Neben dem Training auf dem Rad absolvierten wir in der Vorbereitungsphase und in den rennfreien Wochen mehrere Einheiten pro Woche im Kraftraum. Wir arbeiteten an Explosivkraft und Koordination, um den Anforderungen der heutigen Weltcuprennen gerecht zu werden.

Neue Anforderungen

Früher waren die Rennen mit rund zweieinhalb Stunden Fahrzeit deutlich länger und die Anstiege hatten mehr Höhenmeter am Stück. Das verlangte den Fahrern andere Qualitäten ab. Heute gleicht eine Runde im Weltcup einer Serie von explosiven Beschleunigungen in kurzen Anstiegen, gefolgt von einer hochkonzentrierten Phase in einer technisch anspruchsvollen Abfahrt. Für jeweils rund 15 kurzfristige Belastungen mit 1000-1200 Watt Leistung – und das jede Runde! – reicht ein reines Praxis-Biketraining nicht mehr aus, um an der Weltspitze mitzuhalten.

Diese bewegt sich auf einem enorm hohen Niveau, zwischen Sieg und Niederlage liegen keine Prozentpunkte mehr. Deshalb ist man als Trainer immer auf der Suche nach Methoden, die dem Athleten einen allfälligen kleinen Rennvorteil verschaffen. Seit einigen Jahren arbeiten wir beispielsweise mit Stroboskopbrillen, um die Reaktionsfähigkeit verbessern zu können. Man kann sich das so vorstellen, dass Nino eine dunkle Sonnenbrille und auf Lichtreize von allen Seiten reagieren muss. Im Training sieht das zwar etwas seltsam aus, aber in der Praxis hat es sich bewährt.

Diese Methode schult das Gehirn, nicht nur das zu sehen, was direkt vor dem Athleten liegt, sondern auch in der Peripherie aufmerksam zu sein. Das trägt dazu bei, dass sich Nino in der Abfahrt schneller zurechtfindet – vor allem bei wechselnden Lichtverhältnissen, also dann, wenn das Gehirn Mühe hat, Kontraste schnell und richtig einzuschätzen, was im Wald häufig der Fall ist. So ist es uns gelungen, dass Nino in der Abfahrt – trotz höchster Konzentration – relativ gut entspannen kann, und sein Puls nicht ständig im roten Bereich ist. So kann er sich gezielt auf die folgenden explosiven Anstiege konzentrieren.

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Höhentraining und letzter Schliff

Nino hat in dieser Saison schon viel erreicht, bereits die Qualifikation für die Spiele ist in einem Mountainbike-Land wie der Schweiz keine Selbstverständlichkeit. Er hat viele Rennen bestritten – das ist immer noch das beste «Labor» für einen Trainer, um zu sehen, ob der Athlet auf dem richtigen Weg ist. Resultate lügen bekanntlich nie.

Vor den Olympischen Spielen sind wir für drei Wochen im Höhentrainingslager, das ist eine zusätzliche Herausforderung für den Körper. Nino wird dann die für einen Olympiasieg notwendigen Intensitäten trainieren. In der Olympiasaison spüre ich bei den Athleten eine besondere Motivation, deshalb gehen sie meistens einen Schritt weiter als sonst. Nur in dieser Saison habe ich beispielsweise eine Intervall-Serie von 8 x 1 Minuten mit einer Erholung von nur 15 Sekunden voll durchziehen lassen. Solche Trainings sind derart belastend, dass sich einige auch schon übergeben mussten.

Nino Schurter und Nicolas Siegenthaler im Höhentraining auf dem Berninapass

Nino ist immer noch enorm motiviert. Das liegt sicher auch daran, dass er immer noch mit den Besten mithalten kann. Eigentlich wollte er nach der letztjährigen Saison seine aktive Karriere beenden. Doch als er 2022 zum zehnten Mal Weltmeister wurde, konnte er nicht einfach so aufhören. Nicht mit dem Weltmeistertrikot auf den Schultern. Und so war der Fokus nach Paris nicht mehr weit.

Wenn er Olympiasieger wird, weiss ich nicht, wie er darauf reagieren wird. Das Thema WM im Wallis 2025 ist schon mehrmals aufgetaucht, auch das ist nicht mehr weit. Deshalb kann ich mir vorstellen, dass er seine Karriere noch einmal um ein Jahr verlängert. Voraussetzung dafür ist, dass Nino topfit und konkurrenzfähig bleibt. Wenn er keine Siegchancen sieht, dann glaube ich nicht, dass er an den Start gehen wird.

Der Olympia-Kurs in Paris ist keine neue Erfindung, da die gleichen Leute die Strecke gebaut haben, die schon in Tokyo 2021 und in Rio de Janeiro 2016 die Hände im Spiel hatten. Dazu kommen die Spezialisten des Weltverbandes UCI, die – wie bei den Weltcup-Strecken – darauf achten, dass die Anforderungskriterien erfüllt werden. Aus meiner Sicht ähnelt die Strecke in den Anstiegen ein wenig derjenigen von Albstadt und in den technischen Abfahrten derjenigen von Nové Město. Bei beiden Rennen konnte Nino schon überzeugen.

In den Tagen vor dem Rennen ist die Trainingsvorbereitung praktisch abgeschlossen. In der Woche vor dem Rennen arbeiten wir noch gezielt an der Explosivität mit Krafttraining und einigen kurzen Intervallen. Wichtig wird sein, dass Nino die Strecke mindestens einmal im Renntempo fahren kann. Und dass die Wetterprognosen stimmen.»

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