Bildquelle: ©Scott

Ein grosser Gewinner der gegenwärtigen Velo-Euphorie ist das Gravelbike, welches ein rasantes Wachstum verzeichnet und sich als perfektes Sportvelo im Schweizer Mittelland präsentiert.

Noch vor wenigen Jahren hiessen sie Geländerenner, Quervelos, Cyclo-Crosser oder Endurance Bikes, doch mittlerweile hat sich der amerikanische Begriff «Gravel» an breiter Front durchgesetzt. Das Gravelbike ist neben dem E-Bike der aktuelle Trendsetter auf dem Velomarkt, und das wird sicherlich auch im neuen Jahr so bleiben.

Argumente dafür gibt es einige: Gravelbikes sind vielseitig im Einsatzgebiet wie keine anderen Velos und gleichzeitig sportlich und agil. Nimmt man das Gravelbike genauer unter die Lupe, schliesst sich eine 40-jährige Entwicklungsgeschichte.

Vom Mountainbike zum Gravel

Mountainbiker der ersten Stunde erinnern sich: Anfangs der Achtzigerjahre wars, als – natürlich aus Amerika – die ersten Mountainbikes in Europa auftauchten. Deren Markenzeichen: Kleine 26-Zoll-Räder, gerader Lenker, breite Stollenpneus, viele Gänge, gestreckte Sitzposition.

Die neuen Sportgeräte sollten sich von herkömmlichen Velos abgrenzen, was sie auch taten. Damit konnte man erstmals nach Belieben offroad herumflitzen und immer höhere Berge erklimmen. Und wenns zu schnell wurde, packten Cantileverbremsen kraftvoll zu. Um die ganze Sache komfortabler zu machen, kamen nach und nach dämpfende Elemente dazu, zuerst eine Federgabel vorne, bald auch Dämpfungselemente hinten.

Der Rest ist bekannt: Die Federwege wurden immer länger, die Reifen wieder grösser (über 27½ bis 29 Zoll), die Bikes immer schwerer und vorwiegend für rasante Downhills ausgelegt. Überdimensionierte Offroad-Boliden wurden (und werden)  fleissig auch dann gekauft, wenn sie bloss auf Feldwegen im Mittelland oder leichten Wanderwegen zum Einsatz kommen (mittlerweile häufig auch mit einem Motor dran…). Dieser Trend dominiert bis heute und es gilt: Die meisten modernen Mountainbikes sind in erster Linie zum Abwärts- und weit weniger zum Bergauffahren konzipiert als in den Anfangsjahren.

Der Kreis schliesst sich

Grund genug für die Industrie, sich wieder an alte Zeiten zu erinnern bzw. einen alten Trend – aber in ganz neuen Schläuchen – aufleben zu lassen und das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Denn der grosse Vorteil der ersten Mountainbikes war deren Agilität ohne Schnickschnack.

Zuerst griffen die Hersteller auf klassische Quervelos zurück. Doch diese sind mit ihren (reglementarisch) schmalen Pneus und ohne Scheibenbremsen fahrtechnisch doch zu anspruchsvoll für die breite Masse konzipiert. Etwas bequemer und sicherer sollte es schon, ein schnittiges Velo mit breiten Pneus ausgestattet, ungefedert und mit sportlicher Sitzposition – die Geburtsstunde moderner Gravelbikes konnte beginnen. Obwohl: Genau genommen kommen diese fast wie die Ur-Bikes vor über 30 Jahren daher – man erinnere sich nur an das legendäre Specialized Stumpjumper.

Back to the Future

Zurück in die Zukunft, könnte man also überspitzt formulieren, denn erneut kann man puristisch mit direkter Kraftübertragung und dennoch erstaunlich komfortabel über Feld, Wald und Wiesen flitzen. Mit einem Gravel lassen sich im Wiegetritt alle Federvelos spielend überholen, es sei denn, sie sind mit Strom aufgepeppt.

Doch Scherz beiseite: Moderne Gravelbikes machen enorm Spass, es sind reinrassige Sportgeräte und keine SUV-Bikes, die sich anfühlen, als würde man mit einem Raupenfahrzeug über einen Kiesweg rollen. Die markanten Unterschiede zu den Ur-Bikes: grössere Räder, Scheibenbremsen, Rennvelolenker – wobei die heutigen Gravel-Lenker ähnliche Griffhaltungen bieten wie die berühmt berüchtigten «Hörnchen» an den Lenkerenden der ersten Stollenbikes…

Reinrassige Gravelbikes kommen ohne Schnickschnack und Federelemente daher, sind fast so leicht wie Rennvelos und ebenso direkt in der Kraftübertragung. Und allfällig überschüssigen Speed machen zupackende Scheibenbremsen mit einem simplen Fingerdruck dosiert zunichte. Mit dem Gravel kann man überall rausgehen und ohne Plan losfahren, irgendwo kommt man immer durch. Durch die puristische Ausstattung ist – im Gegensatz zu Mountain- und E-Bikes – auch die Wartung minimiert. Wenn Allround-Händler wie Bike World, Ochsner Sport und sogar Decathlon auf den Gravel-Boom setzen, ist er definitiv da.

Sportgerät oder Touren-Gravel?

Und er steht wohl erst am Anfang, denn in der Nische Gravel kristallisieren sich bereits mehrere Untersegmente mit potenziellen Käufergruppen heraus. Das reinrassige Karbon-Gravel als Sportrakete zwischen Teer und Singletrail, das Gravel als Rennveloersatz für die unkomplizierte Ausfahrt ohne Asphalt-Abhängigkeit sowie das spezielle Touren-Gravel mit vielen Befestigungsmöglichkeiten für mehrtägige Packfahrten im In- und Ausland.

Sehr beliebt sind Gravelbikes auch bei sportlichen Paaren oder Gruppen, da man unabhängig vom Autoverkehr ohne Hupkonzert nebeneinander fahren und miteinander kommunizieren kann.

Einziger Wermutstropfen: Bereits scheint die Industrie wieder Angst zu haben, dass es vielen Gravel-Fahrern nicht komfortabel genug sein könnte, denn schon werden erste Federelemente in Form von Gabel-, Lenker- und Hinterbaudämpfung verbaut. Und – oh Schreck, auch E-Gravel sind bereits im Angebot. Bleibt zu hoffen, dass sich die ganze Komfort-Bequemlichkeitspirale nicht erneut zwei Jahrzehnte lang «hochfedert», bis die nächste Generation reinrassiger «Allroad-Velos» auf den Markt kommt.


Merkmale Gravelbikes

  • Gravelbikes werden möglichst ohne bewegliche oder federnde Teile konstruiert. Daher kommen immer häufiger Einfachübersetzungen zum Zug mit nur einem Scheibenblatt vorne und voluminöser 12–13-fach-Übersetzung hinten.
  • Für guten Grip sorgen bis zu 45 mm breite Reifen, wofür sowohl Gabel wie Hinterbau entsprechend konzipiert sein müssen.
  • Speziell breite und leicht gegen innen abgekippte Rennradlenker sorgen in Kombination mit Scheibenbremsen für sportliche Position und sicheres Handling.
  • Elektronische Schaltungen lassen sich auch im Gelände überraschend präzis und simpel bedienen. Sie werden daher zunehmend verbaut, erhöhen aber den Kaufpreis deutlich.
  • Die Radgrösse beträgt 28 Zoll, teilweise bereits auch schon wieder kleiner, weil die Pneus dann dicker sein können.
  • Im Angebot sind verschiedene Geometrien von sportlich direkt bis zu Tourenbikes mit komfortabler Sitzposition und vielen Anlötstellen zur Befestigung von Gepäckträgern.
  • Kostenpunkt: Gravelbikes sind tendenziell günstiger als Rennvelos, je nach Komponenten steht aber das gesamte Preissegment zur Auswahl. Absolut taugliche Alumodelle gibt es bereits ab 1500 Franken, Karbonmodelle ab 2500 Franken aufwärts.

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